Montag, 06.05.2019

Fettes Brot im Interview: Alte Rapper mit neuer Scheibe

Leserbrief

König Boris, Dokter Renz und Björn Beton empfangen zum Gespräch nicht irgendwo, sondern im geräumigen und überraschend aufgeräumten Herrenzimmer ihres Studio-Büro-Abhängkomplexes in Hamburg-Altona. Das Thema am heutigen Nachmittag, bei Kaffee und Keksen, ist die neue Platte der Brote. „Lovestory“ heißt sie, und man kann sie getrost als Konzeptalbum bezeichnen.

Sämtliche Stücke drehen sich – im engeren, manchmal auch im weiteren Sinne – um die Liebe. Von Selbstliebe („Ich liebe mich“) über die Liebe zu Maschinen („Robot Girl“), homosexuelle Liebe („Opa + Opa“) bis zur Liebe in Zeiten des Rechtsrucks („Du driftest nach rechts“) wird eine Menge Stoff durchgenommen, doch musikalisch zielt „Lovestory“ dabei fast schon durchgängig auf die Zwölf.

Soll heißen: mächtige Refrains, fette Beats und eine wuchtige, Dance-orientierte Produktion – wie gemacht für die große Liebeserklärung unter freiem Himmel, inmitten von Zehntausenden von Festivalfans.

Auf den Job bezogen kann man sagen: Ihr drei macht seit einem Vierteljahrhundert, seit dem Ende eurer Schulzeit, hauptberuflich Hip-Hop. Würdet ihr euch heute nochmal so entscheiden?

Boris: Ja, auf jeden Fall. Wie eine Entscheidung hat sich das aber nicht angefühlt. Es war eine Entwicklung, in die man reingestolpert ist.

Björn: Aber es war unsere Entscheidung, dieser Entwicklung eine Chance zu geben.

Für ein Liebesalbum klingt „Lovestory“ auffallend hell, fröhlich, optimistisch und funky.

Boris: Danke. Ja, das ist keine balladeske Kitschkiste geworden, sondern wirklich eine Platte mit viel Energie.

Wie kam es überhaupt zu dieser thematischen Selbstbeschränkung?

Renz: Als wir die ersten Songs aufnahmen, ragten jene Stücke besonders heraus, die mit Liebe zu tun hatten. Also haben wir beschlossen, uns ganz auf Liebesgeschichten zu konzentrieren, was uns wiederum dazu inspiriert hat, auch andere Nummern wieder reinzuholen, die wir eher außerhalb gesehen hätten, die aber die Liebe aus anderen Perspektiven betrachten.

In „Deine Mama“ rappt ihr darüber, lieber mit den Müttern als mit den Töchtern ins Bett zu wollen. Aus welcher Laune heraus ist der Song entstanden?

Boris: Wir wurden so ab Ende 30 oft auf unser Alter angesprochen. So nach dem Motto „Wie lange könnt ihr das noch machen?“ oder „Ist Rap in eurem Methusalem-Alter überhaupt noch angemessen?“. Da muss man sich erst Mal dran gewöhnen, und jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir humorvoll mit diesem Thema umgehen können. Also singen wir nicht, dass wir alt geworden sind, sondern dass die Frauen, auf die wir stehen, jetzt älter sind.

Renz: Die Mutter kommt im Hip-Hop ja oft schlecht weg. Dem wollen wir entgegenwirken.

Boris: Die Beleidigung „Ich ficke deine Mutter“ nehmen wir in diesem Fall wörtlich (lacht).

Ist man irgendwann alt genug dafür, dass einem das Alter egal ist?

Boris: Die Fantastischen Vier sind noch viel älter als wir. Jay Z ist in unserem Alter – und mit Beyoncé zusammen!

Renz: Oder unsere Idole von De La Soul. Auch die zwei verbliebenen Beastie Boys sind in allen Ehren ergraut.

Boris: Unser Alter sagt über die Qualität und die Freshness unserer Musik relativ wenig aus.

Findet ihr euren wohl größten Hit „Jein“ zum Beispiel noch cool?

Boris: Ja, den müssen wir einfach lieben. Schon allein, weil so viele Leute diesen Song verehren und wir ihm unheimlich viel zu verdanken haben.

Björn: Wir sind heute selbst von der Magie dieses Liedes begeistert und blicken mit Hochachtung auf ein Werk, das wir heute so nicht mehr hinkriegen würden. „Jein“ war ein kleiner Geniestreich. Darin nehmen wir ja das große Dilemma der heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorweg, die sich irgendwie entscheiden müssen, sich dann aber nur für das Verharren in der Entscheidungslosigkeit entscheiden.

„Du driftest nach rechts“ ist die am deutlichsten politische „Lovestory“. Zu einem Disco-Beat im Stile von Nile Rodgers geht es um ein Paar, das sich entfremdet, weil ein Partner politisch abgleitet. Wie soll man in so einem Fall reagieren?

Renz: Man sollte so eine Entwicklung nicht aussitzen. Sondern die Dinge deutlich ansprechen, sich mit dem Partner oder der Partnerin auseinandersetzen und notfalls trennen, wenn eine gemeinsame Wertebasis nicht mehr da ist.

Habt ihr Freunde, die politisch rechts denken?

Boris: Uns ist das Phänomen, das Leute aus dem näheren und weiteren Umfeld plötzlich und speziell in den letzten zwei, drei Jahren mit kruden Theorien und merkwürdigen Meinungen um die Ecke kommen, durchaus bekannt. Aber rechte Freunde? Das würde ich verneinen.

Renz: Der Song beschreibt letztlich das Phänomen, dass man in seiner linkeren Blase sitzt und merkt, wie das rechte Gedankengut näherkommt. Früher hockten die Nazis klar erkennbar am Bahnhof herum, heute wird eigentlich Unsagbares auch wieder von scheinbar bürgerlichen Leuten gesagt. Das bezieht sich nicht nur auf rechte, sondern auch auf frauenfeindliche und homophobe Gedanken. Ich höre oft Sachen, wo ich denke „Wir waren schon mal weiter“.

Habt ihr als Urgesteine eigentlich noch den Überblick über die unzähligen Deutschrapper, die seit geraumer Zeit die Charts dominieren?

Björn: Ja und nein. Immer wieder sind relativ neue Leute dabei, die einen begeistern. Trettmann zum Beispiel fanden wir schon immer gut, und wir freuen uns total darüber, dass er sich so gut entwickelt. Viele andere dieser Rapper erzählen jedoch so einen Müll, dass wir gar keine Lust hätten, sie kennenzulernen.

„Lovestory“ ist am 3. Mai auf Schallplatte, CD und als MP3-Download erschienen








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