Montag, 15.06.2020

Fall George Floyd: Junge Goslarer demonstrieren gegen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen

Leserbrief

Goslar. Eine Szene, die ergreifend wirkt: Am Samstag hat eine Gruppe junger Goslarer den durch Polizeigewalt getöteten Afroamerikaner George Floyd geehrt. Acht Minuten und 46 Sekunden schwiegen sie –so lange hatte der US-Polizist Derek Chauvin auf Floyds Nacken gekniet, ihn so schließlich erstickt. Nach wenigen Sekunden des Schweigens in Goslar prasselte Platzregen vom Himmel.

Das Video, das den Erstickungstod des 46-jährigen Afroamerikaners am 25. Mai zeigt, erschüttert seit Ende letzten Monats den gesamten Globus: Nach Protesten in Minneapolis in den USA, bei denen es für mehrere Tage infolge zu massiven Ausschreitungen zwischen Demonstranten und der Polizei sowie Plünderungen und Bränden kam, gehen Menschen weltweit auf die Straßen, um zu zeigen: „Black Lives Matter“ („Das Leben schwarzer Menschen zählt“).

Mehrere zehntausend Demonstranten

So ebenso auch Deutschland: Allein in Berlin, Hamburg und München demonstrierten vor zwei Wochen mehrere zehntausend Menschen gegen Rassismus und Diskriminierung gegenüber schwarzen Menschen.

Zum Auftakt des stillen Protests blieben die Teilnehmer noch trocken. Während der Schweigeminuten prasselte Regen vom Himmel. Fotos: Dämgen

Die Aktion in Goslar haben Lara Tabea Faesseler und Antonia Dräger organisiert. „Ich finde, dass man überall – egal, wo – aufmerksam auf die Probleme machen sollte“, sagte Lara Tabea, „warum dann nicht auch in Goslar ein Zeichen setzen?“

Triefende Klamotten

Der Protest wurde mit einer Aufzählung schwarzer Opfer weißer Polizeigewalt eingeläutet und schloss nach gemeinsamen Gesprächen der Teilnehmer mit fast neun Minuten Schweigezeit für George Floyd ab. Wie auf Kommando fing es dabei an, zu schütten.

„Es war alles andere als angenehm“, äußerte sich Antonia Dräger, die nach der Gedenkzeit bis auf die Haut durchnässt ist. Doch sie begrüßte die Regenmengen, die sich über den Köpfen der Gruppe ergossen: „Wir können uns solidarisch zeigen und die knapp neun Minuten im Regen stehen. Aber wir können danach auch nach Hause gehen und eine warme Dusche nehmen. Wir werden nie verstehen, wie sich George Floyd bei seinem Ersticken gefühlt haben muss.“

Tatsächlich seien alle stehen geblieben, freute sich Lara Tabea über das Durchhaltevermögen und Engagement der überwiegend Jugendlichen in der Gruppe. „Es zeigt, dass ihnen daran etwas liegt, hier ein Zeichen zu setzen“, sagte die 18-Jährige.

Hashtag im Trend

Zur stillen Demo hatten die Organisatorinnen bewusst nicht medial aufgerufen, sondern auf privatem Wege Freunde und Bekannte mobilisiert. „Da das Hashtag #blacklivesmatter in den sozialen Medien momentan mega im Trend ist, hatten wir die Sorge, dass der Zulauf zu groß gewesen wäre. Der Platz ist hier natürlich begrenzt. Mit den Abstandregeln würden hier auch nur um die 40 Leute hinpassen“, erklärte Antonia. 22 Teilnehmer am Samstag begrüßen zu dürfen, freute sie ungemein. „Es zeigt, dass es Leute gibt, die die Schwere der Probleme erkennen“, fand die 19-Jährige.

„Schwarze erfahren auch in Deutschland täglich Rassismus“, unterstrich sie zusätzlich. „Das äußert sich schon im Alltag durch Racial Profiling. Schwarze Menschen werden zum Beispiel öfter kontrolliert als weiße. Die Kontrollen fallen bei ihnen oft auch härter aus.“

Sich selbst aufklären

„Das Schlimme ist, dass Leute, die noch nie Rassismus erfahren haben, das Thema oft ausblenden oder es vielleicht auch gar nicht wahrnehmen“, meinte Lara Tabea außerdem.

Wichtig, um Rassismus entgegenzuwirken, sei daher vor allem eins: sich selbst aufzuklären. Antonia erläuterte diesen Prozess wie folgt: „Ich weiß von mir selbst, dass ich gegen Rassismus bin. Aber vor dieser Aktion war ich auch nicht wirklich anti-rassistisch, weil ich nicht genug wusste, um dagegen vorzugehen.“ Sie empfiehlt, sich durch Literatur, Dokumentationen oder Podcasts schlau zu machen. Zum Beispiel durch das Buch „EXIT RACISM“ von Tupoka Ogette, das die Entstehungsgeschichte des Rassismus, mit besonderem Blick auf Deutschland, aufzeichnet. Als Hörspiel ist es für Lesemuffel auch auf Spotify verfügbar.

Von Lea Dämgen









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