Donnerstag, 09.04.2020

Expertin spricht über Tücken des Medien-Konsums zu Corona-Zeiten

Leserbrief

Goslar. Was würden wir in der jetzigen Situation nur ohne die Medien tun? Trotz der Kontaktsperre, die verhängt wurde, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, sind wir über Handy, Laptop und Co. mit unseren Liebsten vernetzt.

Wir können mit den Endgeräten auch unsere Langeweile vertreiben: Doch darin liege das Tückische, weiß Katja Bosse, Sozialpädagogin vom Goslarer Lukas-Werk. Da es eine Zeit nach Corona geben werde, könne es schwierig werden, durch die exzessive Mediennutzung wieder in einen normalen Alltag zu finden, gibt sie zu bedenken.

Viele Bedürfnisse stillen

Katja Bosse
Zunächst einmal will die Expertin die Medien nicht verteufeln. Innerhalb von kürzester Zeit könnten viele Bedürfnisse durch mobile Endgeräte schnell gestillt werden – ohne große Anstrengung. Durch die Medien bekämen wir Anerkennung, indem wir gut in einem Spiel sind oder Bilder häufig gelikt werden, die wir ins Netz stellen.

Wir könnten zudem virtuelle Abenteuer erleben, über die wir uns wiederum mit anderen austauschen. Wir hätten zudem die Möglichkeit, uns weiterzubilden. „Ohne Medien wäre diese Krise wesentlich schwieriger zu ertragen“, fasst sie zusammen. Katja Bosse geht jedoch noch weiter: „Ich bin der Meinung, dass „Funktionierende Endgeräte für Medien in dieser Krise wesentlich wichtiger sind als Klopapier.“

Auch wenn das noch so positiv klingt, mahnt Bosse zur Vorsicht. „Alles, was eine gute Seite hat, hat meist auch eine negative. So auch Medien“, weiß sie. „Sie können abhängig machen.“ Im Lukas-Werk betreut sie mit ihren Kollegen unter anderem Jugendliche und Erwachsene, die Kontrolle über ihren Mediengebrauch verloren haben.

Im Teufelskreis gefangen

Dass wir durch einen gehäuften Medienkonsum in einen Teufelskreis gelangen können, gehe schnell. „Wir bleiben online, obwohl wir etwas Wichtiges erledigen müssten, schieben Aufgaben immer wieder auf und vernachlässigen uns und unsere Gesundheit.“ Dann hätten wir keine Zeit mehr für Familienmitglieder sowie Freunde, was früher oder später zu Streit führt.

Hinzu kommt, dass sich Betroffene auf andere Tätigkeiten aus ihrem normalen Alltag nicht mehr konzentrieren könnten. Betroffene seien bei anderen Tätigkeiten wie Schule oder Arbeit unkonzentriert. Kurz um: „Der ganze Tagesrhythmus kommt durcheinander“, beschreibt Bosse.

Mit Mediennutzung die Zeit vertreiben

Deswegen, so die Expertin des Goslarer Lukas-Werk, muss vor allem die Zeit nach Corona im Auge behalten werden. Jetzt, wo keine Schule ist und wir keine großartigen Verpflichtungen hätten, könnten wir uns mit einer erhöhten Mediennutzung noch gut die Zeit vertreiben und uns irgendwie durchmogeln. Wenn jedoch der normale Alltag wieder da ist, falle es den Betroffenen schwer, wieder auf ein normales Maß zurück zu kehren.

Darum sollte sich jeder einmal Gedanken über das eigene Medienverhalten machen. Insgesamt könnten wir uns jedoch glücklich schätzen, dass wir mit den neuen Medien so gut aufgestellt seien, sagt Katja Bosse.

TIPPS VON DER MEDIEN-EXPERTIN

Wenn man einmal einen Kontrollverlust hat oder ein süchtiges Verhalten zeigt, ist es laut Katja Bosse kaum möglich, wieder zu einem gesunden Mediengebrauch zurück zu kehren. „Daher ist Vorbeugung besser“, sagt sie und hat folgende Tipps parat.
Die Expertin empfiehlt, individuelle Regeln zum Medienkonsum aufzustellen. Dadurch reflektiere man sein eigenes Verhalten immer mal wieder und merke frühzeitig, wenn es kritisch wird. In Bosses Augen sei es wichtig, dass man sich diese Regeln aufschreibt. „Dadurch werden sie für einen verpflichtender und man kann sich selber nicht beschummeln“, sagt sie. Die Regeln sollten eindeutig und überprüfbar sein. Beispiele: „Ich spiele nicht mehr so viel“, besser „ich spiele nur an fünf Tagen und höchstens drei Stunden pro Tag.“ Die erste Regel ist dehnbar wie ein Gummiband. Bei dem zweiten Beispiel kann man sich gut überprüfen, inwieweit man seine eigene Regel einhält. Regeln könnten die Zeiten aber auch den Inhalt betreffen sowie Medienfreiräume festlegen.
Außerdem empfiehlt die Expertin, auch mal Langeweile zuzulassen und zu schauen, welche kreativen Ideen sich entwickeln.

HINTERGRUND

Die Lukas-Werk Gesundheitsdienste bieten auch während der Corona-Krise Beratung bei Alkohol- und Medikamentenproblematik an, sowie bei Verhaltenssüchten wie Glücksspiel- und Mediensucht. Ihr könnt ein telefonisches Beratungsgespräch unter 0 53 21 / 35 88 5 00 vereinbaren. Die Sozialpädagogen stehen auch per Mail an fa-goslar(at)lukas-werk.de zur Verfügung. Weitere Informationen gibt es www.neuerkerode.de unter dem Stichwort Fachambulanz Goslar. Dort könnt ihr die Sprechzeiten nachlesen.  









Weitere Topthemen aus der Region:
  • Region
    Corona: Weiterhin 254 Infizierte
    Mehr
  • Goslar
    26-Jähriger stirbt bei Unfall am Kreuzeck
    Mehr
  • Region
    Feuerwehr stellt neue Ausrüstung im Video-Clip vor
    Mehr
  • Region
    Wettbewerb mit Preisen: „Dein Kunstwerk vom Welterbe!“ wird gesucht
    Mehr
  • Goslar
    Nachkriegserinnerungen-Autor wird 99 Jahre alt
    Mehr