Freitag, 03.04.2020

Etwas Zeit ist eine gute Medizin

Bei Sonnenschein kann jeder fröhlich sein, doch in der Krise offenbart sich der Charakter. So gab es dieser Tage längst nicht nur Beifall über die Aktion der Asklepios-Harzklinik in Goslar, die vier Corona-Patienten aus den Niederlanden aufgenommen hat. Vor allem in den sozialen Netzwerken machte sich neben viel Zustimmung auch herbe Kritik breit – nach dem Motto: deutsche Corona-Betten nur für deutsche Patienten. Dabei ist es ein Zeichen der Hoffnung, dass hierzulande noch so viele für den Ernstfall vorgesehene Betten in den Kliniken nicht belegt sind. Und es ist ein Signal von Menschlichkeit, diese Möglichkeiten zu nutzen, um auch Menschen aus Nachbarländern in der Krise zu helfen – ob aus Holland, Frankreich, Spanien oder Italien. Denn jeder kann sich nur wünschen, dass dieses Virus in den kommenden Wochen nicht auch Deutschland derart brutal erfasst.

Kontaktsperren, soziale Distanz und Schließung von Geschäften – das öffentliche Leben wurde in den vergangenen drei Wochen indes auch hierzulande mehr und mehr eingeschränkt. Die meisten Menschen haben sich daran gehalten, und das zeigt offenbar Wirkung. Zwar hat sich die Zahl der Infizierten in Deutschland bis Freitag auf über 85.000 Menschen weiter deutlich erhöht, doch die Kurve verläuft inzwischen deutlich flacher.

Derweil steigen in den USA die Zahlen weiter massiv an. Rund 250.000 nachgewiesene Infektionen gibt es im Land von Donald Trump, dessen Prognosen sich Woche für Woche als „Fake News“ erweisen. Da lassen die Amerikaner auch gerne mal Schutzmasken in Asien konfiszieren, die eigentlich für die Berliner Polizei bestellt und bezahlt waren. Einen anderen Vorwurf gegen Trump aus der vorigen Woche muss ich aber an dieser Stelle entkräften: Laut Geschäftsführung der Firma CureVac habe Trump nicht versucht, das Tübinger Unternehmen für einen Corona-Impfstoff exklusiv in die USA zu ziehen.

Wirrköpfe, vor allem an den digitalen Stammtischen, werden indes nicht müde, das Corona-Virus zu verharmlosen und über Verschwörungen zu schwadronieren. Aus der Ecke der Rechtspopulisten verbreitete sich in diesen Tagen via Facebook zudem ein Zeitungsartikel der „Welt“ geradezu viral: „46 Prozent der Deutschen wollen, dass Merkel sofort zurücktritt“, hieß es da. Der Beitrag stammte aber vom 30. Dezember 2017, also mitten aus der Regierungskrise nach der letzten Bundestagswahl. Die Realität in der Corona-Krise 2020 zeichnet nämlich ein ganz anderes Bild: Nach dem jüngsten ARD-Deutschlandtrend sind fast drei Viertel der Deutschen mit der Arbeit der Bundesregierung in Zeiten der Corona-Krise zufrieden oder sehr zufrieden. Vor allem Kanzlerin Merkel erreicht Popularitätswerte wie seit vielen Jahren nicht mehr.

Ein satter Malus der Politik bleibt aber, dass es den Spitzen von Bund und Ländern nicht gelingt, die Kleinstaaterei wenigstens in Krisenzeiten zu überwinden. Allein, zu zweit, als Familie, mit Mundschutz oder ohne – dürfen wir noch spazierengehen oder nicht? Dieser Wirrwarr gilt auch bei der Verteilung der Zuschüsse für kleine Unternehmen. Geradezu grotesk ist es, dass Selbstständige und kleine Betriebe in Niedersachsen aus den Bundeszuschüssen keine Personalkosten begleichen dürfen und Freiberufler schlicht auf Hartz IV verwiesen werden, wenn sie ihre Lebenshaltungskosten nicht mehr decken können. Hier muss dringend nachgebessert werden.

Andere, wie der parlamentarische Geschäftsführer der FDP, Marco Buschmann, zeigen sich auf politischer Ebene derweil schon gänzlich virenresistent. Motto: Wenn nicht ganz schnell wieder alles beim Alten ist, dann droht in Deutschland die Revolution. Ein wirksames strategisches Rezept hat Buschmann indes selber nicht, geschweige einen Impfstoff gegen Corona.

Etwas Zeitgewinn ist somit hilfreich, auch mehr unpolitische Geduld. Schauen wir bis Ostern, dann noch ein Stückchen weiter – und dann lassen wir mit aller Vorsicht das normale Leben und Arbeiten langsam wieder einkehren.

Wie stehen Sie zu dem Thema?Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de