Freitag, 07.08.2020

Erbärmliches Schauspiel in Berlin

Der Mann denkt groß: „Karstadt habe ich ja auch gerettet“, ließ Arndt Geiwitz diese Woche munter verlauten, Insolvenzverwalter bei der Harz-Metall. Nun können wir anfügen, dass an der Rettung von Karstadt auch der Goslarer Oberbürgermeister Oliver Junk, Ehrenbürger Sigmar Gabriel, die verhandlungsbereiten Vermieter, der Betriebsrat und vor allem auch die Belegschaft großen Anteil hatten. Aber sei’s drum, der Erfolg hat meistens viele Väter und Mütter – und das wäre nun auch bei den bedrohten Werken der ehedem stolzen Harz-Metall-Gruppe zu hoffen.

Die historische Spurensuche führt uns sage und schreibe 493 Jahre zurück: Anno 1527, dem Jahr der legendären „Goslarer Unruhen“, hatten die Kaiserstädter mobil gemacht gegen weltlichen und Kirchenadel. Die Reformation hielt Einzug, und die Jakobikirche, das Gotteshaus der Handwerker, wurde zum Mittelpunkt reformatorischer Ideen. Zeitgleich ließ der Braunschweiger Herzog Heinrich II. nicht nur weiterhin katholische Messen feiern, sondern trachtete den Goslarer Bürgern auch nach der Basis ihres Wohlstands – dem Erz aus dem Rammelsberg. Die Goslarer ließen das St.-Georg-Stift, das Petersstift und die St.-Johannes-Kirche auf den Hügeln um die Altstadt zerstören. Auch, weil sie dem übergriffigen Herzog als Angriffspunkte auf die Stadt hätten dienen können. Am Ende wurde über die Stadt Goslar sogar die Reichsacht verhängt.

Derweil ließ der Braunschweiger Herzog 1527 bei Oker ein Hüttenwerk für Blei und Kupfer errichten, das quasi die Keimzelle der heutigen Harz-Metall-Gruppe ist. Der spätere Herzog Julius gründete 1575 am Ende des Granetals ein weiteres Hüttenwerk samt Siedlung – die Herzog Juliushütte.

1635 fielen die Hütten- und Bergwerke im Vorharz zunächst an die welfischen Hannoveraner, bis 1866 die Preußen das Königreich Hannover annektierten und damit auch die Regie im Harz übernahmen. Unter dem Banner der Preussag AG wurde 1924 die Unterharzer Berg- und Hüttenwerke GmbH gegründet, die ab 1986 schließlich als Harz-Metall firmierte. Nur zwei Jahre später schmiedete die Preussag für ihre gesamte Metallsparte mit dem französischen Konzern Penarroya den gemeinsamen neuen Konzern Metaleurop S.A. mit Sitz in Paris, der 2007 schließlich in „Recylex Group“ umgetauft wurde.

Schon fünf Jahre zuvor hatte die ehemalige Preussag ihre letzten alten Industriezweige – 1997 auch die Salzgitter AG – abgestoßen und segelte fortan als Touristikkonzern an der Börse. Eine Wandlung also, die Preussag und den Harz bis heute verbinden: vom schweren Erz zur Urlaubsbranche.

Das alles wird Arndt Geiwitz, der Insolvenzverwalter aus dem bayerischen Neu-Ulm, möglicherweise nicht wissen. Deshalb haben wir es ihm für seine Mission „Harz-Metall“ heute noch mal aufgeschrieben – denn bei den drei verbliebenen Restfirmen der Harz-Metall geht es um mehr als Rohstoffrecycling und seltene Metalle: Es geht um Beschäftigung, wichtige Produkte, „Systemrelevanz“ und letztlich um ein gutes Stück der Harzer Seele.

Umso erbärmlicher ist das Schauspiel in den Ressorts der beiden Bundesminister aus dem gleichfalls bergbaugebeutelten Saarland – Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer: Im Ringen um die Zukunft der Harz-Metall-Schwester PPM in Herzog Juliushütte schieben sie sich die Kugel lähmend hin und her. Während Altmaier in der Corona-Krise gerne über Milliardensummen als Unterstützung für die Wirtschaft schwadroniert, das Verteidigungsministerium zugleich die Technologie und das „sicherheitsrelevante“ Wissen um seltene Metalle an der Juliushütte beschwört, passiert in Berlin zur Rettung von PPM bislang ganz einfach nichts.

Beim traditionsreichen Pancket 2019 in der Goslarer Kaiserpfalz nahm Altmaier als politischer und wortstarker Ehrengast gerne den Applaus entgegen. Jetzt wäre die Zeit, sich den Beifall endlich zu verdienen.

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