Freitag, 15.02.2019

Entdecke die Möglichkeiten

In der digitalen neuen Welt hat manches Produkt ja inzwischen ein kürzeres Verfallsdatum als ein Erdbeerjoghurt. Aber es gibt rühmliche Ausnahmen – der Mars-Rover „Opportunity“ zum Beispiel. Im Sommer 2003, das Smartphone war noch längst nicht erfunden, schickte die amerikanische NASA den Roboterwagen mit einer Rakete auf den Roten Planeten, wo „Opportunity“ dann am 25. Januar 2004 holprig landete. Rund drei Monate sollte er Bilder von dort zur Erde senden, das war die hoffnungsvolle Planung. Am Ende tat der Rover über 14 Jahre lang brav seinen technischen Dienst fern der Heimat, bis ein Sandsturm auf dem kalten Nachbarplaneten offenbar im Sommer 2018 zu heftig ins Getriebe blies. Nach zahlreichen Wiederbelebungsversuchen des Rovers erklärte die NASA dieser Tage nun die überaus erfolgreiche und langlebige Mission für beendet. Bye, bye, „Opportunity“– du hast deine Möglichkeiten im wahrsten Sinne des Wortes ausgereizt.

Andere Schachzüge in der großen weiten Welt erinnern da viel eher an den Erdbeerjoghurt. Papua-Neuguinea lieferte diese Woche ein nettes Beispiel. Trotz reicher Rohstoffvorkommen ist der Inselstaat im Pazifik, nordöstlich von Australien, bitterarm. Dennoch war Papua-Neuguinea im November 2018 Gastgeber für das Gipfeltreffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC). Nicht nur wegen des Handelskonflikts zwischen den USA und China endete die Konferenz mit Streit – sondern auch wegen vermisster Luxusautos. Um die hochrangigen Gäste aus 21 Ländern standesgemäß chauffieren zu können, hatte die Regierung Papua-Neuguineas nämlich über 300 neue Karossen bestellt. Vermutlich hoffte die Regierung, die schicken Autos danach weiterhin nutzen zu können, wenn sie schon mal da sind. Doch alsbald wurde das rollende Staatseigentum geklaut. Nur die besonders auffälligen 40 italienischen Maserati Quattroporte kamen nach Angaben der Papua-Polizei inzwischen zurück in staatliche Hände. Weitere 284 Luxusschlitten müssen sich wohl noch irgendwo im Dschungel befinden. Keine Ahnung, warum mancher Bürger da offenbar neidisch oder frustig geworden zu sein scheint.

Während das arme Papua-Neuguinea in neue staatliche Mobilitätstechnik investiert, war das reiche Deutschland auf diesem Sektor zuletzt auf eisernem Sparkurs. Ob Bundespräsident Steinmeier, Kanzlerin Merkel oder Verteidigungsministerin von der Leyen – allesamt konnten sie in den vergangenen Monaten wiederholt nicht Staatsgeschäften nachgehen, weil die maroden Regierungsflieger etwa aus dem Triebwerk qualmten. Kräftig investieren will die Große Koalition dagegen in mehr soziale Gerechtigkeit. Diese Gewichtung scheint auf den ersten Blick genau der richtige Weg: statt Regierungsflugzeugen lieber Grundrente für alle – oder fast alle – oder zumindest für einige. Jedenfalls schwankt die Zahl möglicher Grundrentennutznießer deutlich: Folgen wir SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil, könnten es bis zu vier Millionen Menschen sein, folgen wir der Union, wären es vielleicht nur 130.000. Es geht ja auch um die Frage der Bedürftigkeit – und die Gerechtigkeit – und den sozialen Gedanken.

Eines ist klar: Wer 35 Jahre Beitragszahlung als Grenze für Grundrente markiert, muss sich fragen lassen, ob das sozial und gerecht ist. Denn was passiert mit denen, die nur 34 Jahre und elf Monate eingezahlt haben? Und warum sollen vor allem Frauen im Osten Deutschlands profitieren, während die meisten Mini-Rentnerinnen im Westen weiter in die Röhre gucken? Und warum soll ein Teilzeitarbeiter nach 35 Jahren künftig Vorteile der Grundrente genießen, aber ein schlecht bezahlter Vollzeitarbeiter mit 34 Jahren Beitragszeit eben nicht? Und vor allem: Was ist überhaupt sozial, was ist gerecht? Warum fängt die Bundesregierung nicht erst mal damit an, die Einnahmen für soziale Wohltaten zu sichern? Beispielsweise, indem sie die Scheunentore für steuerflüchtige multinationale Konzerne schließt. Was die neue Grundrenten-Offensive nun mit dem alten Joghurtbecher gemein hat? Vermutlich das Verfallsdatum.Wie stehen Sie zu dem Thema?Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de