Freitag, 15.03.2019

Ende mit der britischen Rosinen-Pickerei

Quo vadis, Britannia? Diese Frage beschleicht uns seit Monaten immer stärker, wenn wir auf die politischen Dauerdebatten im britischen Unterhaus schauen: Und täglich grüßt das Murmeltier – mit immer gleichen Argumenten, denselben Personen und Ritualen. Bislang haben das viele auf dem Kontinent eher als Zeichen großer parlamentarischer und demokratischer Traditionen gewürdigt, wie sich Volksvertreter und Justitia auf der Insel präsentieren. Richter und Anwälte tragen bis heute Perücken, als seien es Strafgerichte zu Zeiten des barocken französischen Sonnenkönigs. Doch irgendwie haben solche britischen Spleens ja auch ihren Charme – den die Polit-Riege von Parlament und Regierung aber inzwischen endgültig verspielen.

„The ayes to the right, the noes to the left“, heißt es im Ritual der fast täglichen Brexit-Abstimmungen. Die Ja-Stimmen rechts, die Nein-Stimmen links. Schauen wir aufs Gesicht der Premierministerin Theresa May, bietet sich landläufig auch folgende deutsche Übersetzung an: Die Augen (eyes) nach rechts, die Nase (nose) nach links. Ich habe das diese Woche mal gleichzeitig beim Blick in den Badezimmerspiegel versucht. Ergebnis: Man zieht irgendwie eine Miene wie Theresa May. Oder meinetwegen wie Friedrich Merz. Der blickt auch immer so in die Kameras: Die Nase leicht nach links unten geneigt und die Augen nach rechts oben gerichtet. Versuchen Sie nun einmal, in der Haltung wie May oder Merz auf direktem Weg geradeaus das Badezimmer zu verlassen. Sie werden sich vermutlich den Kopf an der Tür stoßen – oder werden geneigt sein, mit dem Kopf leicht gebeugt und mit hängender Schulter im Kreis zu laufen.

Und genau das ist ja seit über zwei Jahren auch die Attitüde der britischen Europapolitik. Sich den Kopf zu stoßen oder so lange im Kreis zu drehen, bis nicht nur den Briten und den EU-Funktionären in Brüssel, sondern auch den Menschen in den weiteren 27 EU-Staaten schwindelig wird. Gegen dieses Procedere wie in einer Bananen-Republik sind die EU-Verordnungen zu Messtoleranzen von Gurken und Südfrüchten geradezu ein Muster an Klarheit.

„Die spinnen, die Briten“, könnten wir nun sinngemäß den berühmten Gallier Obelix zitieren – und uns genüsslich schmunzelnd nach hinten lehnen. Tatsächlich führt uns die Politik von der Insel aber vor Augen, dass all die Bürokratie, Überheblichkeit, Gängelei, Unentschlossenheit bei gleichzeitiger politischer Trägheit, die das Vereinigte Königreich an der EU massiv kritisiert hat, in Wahrheit von der britischen Politbürokratie deutlich übertrumpft wird. Die selbst in der eigenen Partei völlig gescheiterte Theresa May muss nun mit der EU über eine Verschiebung des Austrittstermins verhandeln. Und schon spekuliert EU-Ratspräsident Donald Tusk, am besten einen möglichst langen Aufschub zu ermöglichen – auch weit nach den Europawahlen, die zwischen dem 24. und 26. Mai anberaumt sind. Dann würden die Briten sogar wieder mitwählen und abermals Politiker nach Brüssel und Straßburg ins EU-Parlament schicken, die sich dafür bezahlen lassen, die Europäische Union weiter zu erschüttern. Wie ein Verurteilter, der seinen Henker selbst bezahlt.

Warum das alles? Sicher auch, weil französische Fischer um Fangrechte in britischen Hoheitsgewässern fürchten und der französische Präsident um neuen Aufruhr. Weil deutsche Unternehmen mit Zoll und Handelshemmnissen hadern werden, oder weil Spanien womöglich die Gibraltar-Frage im Streit mit den Briten neu aufwerfen wird. Das alles rechtfertigt aber keine politische Dauerlähmung in Europa – und macht die Probleme nicht kleiner. So traurig es ist, just ein Mutterland der Demokratie aus der EU zu verlieren: Die Rosinen-Pickerei der Briten muss ein Ende haben. Steht Brüssel nicht zu spürbaren Konsequenzen für Großbritannien, dann werden sich die nächsten Länder auf denselben Weg des Irrsinns machen, ob Ungarn, Polen oder Italien.

Wie stehen Sie zu dem Thema?Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de