Freitag, 11.10.2019

Einkaufen? Das geht jetzt auch analog

"Entdecke die Möglichkeiten“, heißt es bei Ikea. Und wer sich durch eine der Filialen des schwedischen Selbstbaumöbelhändlers gepflügt und danach in der Abholzone geschwitzt hat, der hätte in dieser Zeit auch gut und gerne die Fußgängerzone einer Großstadt erkunden können. 

Obendrein statt Köttbullar einer Großkantine vielleicht „Omas Frikadelle“ oder einen frischen Salat im Bistro auf dem Marktplatz. Und was animiert eine offenbar wachsende Schar an Menschen erst, den Einkaufsbummel in einer lebendigen Stadt einzutauschen gegen schnödes Online-Shopping allein zu Hause via Smartphone oder am Computer?

Der „stationäre“ Einzelhandel jedenfalls musste landauf, landab reichlich Federn lassen in den vergangenen Jahren gegen den Konkurrenzdruck durch Online-Anbieter. Mehr noch: Viele Herstellerfirmen machen just den vielen Händlern, die ihnen über Jahrzehnte zum großen Erfolg verholfen haben, nunmehr online Konkurrenz. So mancher begehrte Sneaker von Sportartikelunternehmen ist im „stationären“ Einzelhandel gar nicht mehr verfügbar.

Ein Wettbewerbsvorteil ist dabei schnell umrissen: Für Online-Händler reichen im Zweifel eine schnöde Warenhalle weitab der Zentren und ein paar bunte Bilder für die Homepage. Dekorierte Schaufenster, teure Mieten in City-Lagen, geschultes Personal, eingehende Beratung, Auslagen und Raum zum An- und Ausprobieren – alles Fehlanzeige. Die Folgen sind vielerorts ablesbar. Für inhabergeführte Geschäfte hängen die Trauben immer höher, und je mehr von diesen Läden schließen, umso einheitlicher oder leerer wird es in den Fußgängerzonen.

Im gleichen Zuge verlieren die Innenstädte an Attraktivität – und man möchte diese Entwicklung gar nicht zu Ende denken: Während die Online-Händler ihre Warenlager auf die ohnehin schon vollgestopften Autobahnen und Landstraßen verfrachten, werden ehedem belebte Innenstädte zu warenlosen Freilichtmuseen. Und selbst das Bistro an der Ecke müsste schließen, weil ja die Laufkundschaft abhanden gekommen ist.

Vorstellen mag ich mir das nicht, weshalb ich an dieser Stelle mal eine Lanze brechen möchte für den heimischen Einzelhandel. Allein schon das neue (Un-)Wort „stationär“ bereitet reichlich Schmerzen, erinnert es doch eher an den Weg ins Krankenhaus statt an einen Einkaufsbummel. Vielmehr geht es doch auch um ein Erfassen mit allen Sinnen – sehen, fühlen, riechen oder schmecken der Ware. Wo der Schuh drückt, ob der Pullover kratzt, das Kleid der Figur schmeichelt oder der Duft auch typgerecht ist, das lässt sich beim Probieren im Laden schnell erfassen. Einkaufen funktioniert also tatsächlich auch, ohne Pakete hin und her zu schicken, um nach der x-ten Rücksendung vielleicht doch nicht das Passende gefunden zu haben.

Doch auch die örtlichen Händler sind gefordert, sich der digitalen Welt zu öffnen, ihre Waren und ihre Existenz in der Online-Welt zu behaupten. Mehr Gemeinsamkeit wäre dabei Trumpf. Und in der Tat fehlt es nicht an digitalen Programmierern, um alteingesessenen Händlern dabei auf die Sprünge zu helfen. Die „Einkaufshelden“ aus Braunschweig zählen beispielsweise dazu: Viele potenzielle Kunden wüssten gar nicht, was der örtliche Handel alles zu bieten habe, heißt deren Analyse. Also bieten sie mit einer App fürs Smartphone einen „Kommunikationskanal“, der den Draht zum Kunden verbessern soll. Beispiel: Sie fragen per Handy nach einem Pullover in herbstlichem Gelb, und die Händler melden sich über die App zurück, ob sie vielleicht was Passendes haben.

So weit die digitale Theorie. In der Praxis ginge es aber ganz analog auch ein gutes Stück einfacher und erlebnisreicher. Machen Sie doch einfach mal wieder einen Einkaufsbummel durch die Stadt, das Wetter soll ja am Wochenende schön werden. Beim Spaziergang können Sie sogar direkt in den Geschäften schauen und sich hautnah und mit persönlicher Beratung inspirieren lassen.

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