Freitag, 17.01.2020

Eine Frage der Selbstbestimmung

Die Debatte um Organspenden wogt emotional hin und her, nicht nur im Bundestag, der sich in dieser Woche mit Mehrheit gegen eine Widerspruchslösung entschieden hat. Eine Entscheidung frei nach Gewissen war es, ohne Fraktionszwang, über politische Lager hinweg – das ist auch gut so.

Aber es wird nicht die letzte Entscheidung der Volksvertreter zu diesem brisanten Thema gewesen sein. Denn in Deutschland gibt es im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern deutlich weniger Organspenden. Und die Zahl der Menschen wächst, die im Todeskampf verzweifelt auf ein lebensrettendes Organ warten. So hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) aus nachvollziehbaren Gründen die Diskussion angestoßen, eine entsprechende Gesetzesänderung präsentiert und etwa vom SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach viel Unterstützung für eine neue Widerspruchslösung erfahren. Nur so könne die Zahl der Organspender in Deutschland wirksam erhöht werden, lautete der Tenor. Überdies sei es unmoralisch, im Notfall auf eine Organspende zu hoffen, selbst aber nicht bereit gewesen zu sein, sich als Organspender auszuweisen.

Der Appell an die Bürger ist richtig, mehr Aufklärung darüber enorm wichtig. Denn bei vielen Menschen scheitere es schlicht an Bequemlichkeit, sich als Organspender zu erklären, argumentieren Befürworter einer Widerspruchslösung. Das mag sein. In vielen schwelt aber auch ein echter und ehrlicher innerer Konflikt: Auf der einen Seite die körperliche Selbstbestimmung und zugleich das Unbehagen, dass Mediziner im Notfall vielleicht zu früh das Skalpell ansetzen. Auf der anderen Seite die Empathie gegenüber Menschen, die verzweifelt auf ein Spenderorgan warten. Just in dieser schwierigen Gewissensfrage die Moralkeule zu schwingen, ist gleichermaßen unmoralisch. Nicht-Organspender tragen keine Schuld am Tod anderer Menschen, um es klar zu sagen. So bitter deren Leiden und Schicksal ist.

Auch wenn es andere Staaten vorleben: Es ist nicht Aufgabe eines demokratischen Staates, seine Bürger quasi durch die Hintertür per Gesetz zu verpflichten, Organspender zu werden, wenn nicht explizit ein schriftlicher Widerspruch vorliegt. Der Hinweis von Abgeordneten unterschiedlichster Fraktionen auf die deutsche Verfassung war deshalb korrekt: Das Selbstbestimmungsrecht und das Recht auf körperliche Unversehrtheit aller Bürger sind zwingend zu respektieren – und das endet auch nicht mit dem Tod. Die Mehrheit im Bundestag hat somit entschieden, dass es bei einer Zustimmungslösung bleibt.

Eine Organentnahme ist damit nur möglich, wenn der potenzielle Spender zu Lebzeiten dies ausdrücklich zugelassen hat. Jeder Bürger hat weiterhin die freie Wahl. Niemand wird gezwungen, sich als Widersprecher zu erklären – und damit als vermeintlich unsozial. Denn auch hier tobt für viele wohl ein innerer Konflikt: Kann ich mich angesichts Tausender verzweifelt wartender Organ-Patienten und des wachsenden emotionalen Drucks überhaupt gegen eine Widerspruchslösung bekennen?

Eines ist sicher: Innere Zerreißproben werden bleiben, und manche, die heute gegen eine Widerspruchslösung sind, werden dies in einigen Jahren vielleicht anders beurteilen. Auch das gehört zu einer so schwierigen Gewissensfrage.

Deshalb ist es gut, dass mit der neuen Organspende-Regelung ausdrücklich eine Erweiterung verbunden ist: Bürger sollen künftig stärker auf Organspenden angesprochen werden, Informationsmaterial erhalten, beispielsweise, wenn sie einen neuen Ausweis beantragen. Zudem soll ein neues Online-Register aufgebaut werden, das für alle zugänglich ist. Deutschland braucht mehr Organspender, deshalb der Appell: Setzen Sie sich damit auseinander – intensiv, verantwortungsvoll und vor allem freiwillig.

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