Freitag, 16.11.2018

Ein Schicksal, das die Herzen berührt

Leserbrief

Ein unglücklicher Schlag an die Schläfe, sechs Hirnblutungen, vier Monate Koma: Das Schicksal von Christoph Rickels zeigt, dass sich das Leben innerhalb eines Augenblicks komplett ändern kann.

20 Jahre alt war Christoph, als er 2007 einem Mädchen in der Disco ein Getränk ausgab. Er rechnete nicht mit der Eifersucht ihres damaligen Freundes, der Christoph wie aus dem Nichts bewusstlos schlug. Seine Geschichte erzählte Christoph in dieser Woche vor Schülern der Adolf-Grimme-Gesamtschule (AGG) in Oker.

Auch wenn das Aufeinandertreffen von Christoph und seinem Angreifer bereits elf Jahre zurückliegt, ist für ihn nichts mehr so wie vorher: Die Sportskanone und den Musiker aus Leidenschaft gibt es nicht mehr, schilderte er den Neunt- und Zehntklässlern während eines Präventionstages, den die Bürgerstiftung Goslar organisiert hatte.

Christoph Rickels ist zu 80 Prozent schwerbehindert, halbseitig gelähmt. Das Sprechen fällt ihm schwer, das Gehen auch, er humpelt. Dass er überhaupt noch lebt, grenzt beinahe an ein Wunder – die Ärzte haben ihm damals nur geringe Überlebenschancen vorhergesagt.

Nachdem die Schüler von dieser Geschichte erfahren hatten, blieb manch einem die Luft weg. Mancher konnte offenbar mit dem Schicksal von Christoph nur schwer umgehen, wie sich an gelegentlichem Lachen und Tuscheln zeigte. Die meisten aber nahmen Anteil an seinem Schicksal.

Das war eine Erfahrung, die Christoph immer wieder macht, wenn er vor Schulklassen, aber auch vor Erwachsenen spricht. „So ruhig ist es selten“, sagte Christoph. Für die Schüler ist es halt etwas anderes, wenn sie von einem x-beliebigen Erwachsenen hören, dass Gewalt nicht gut ist oder wenn es jemand sagt, der direkt davon betroffen war – und immer noch ist.

Christoph traf in seinem Vortrag den Ton der Schüler. Er erzählte, dass auch er damals kein Unschuldslamm war. „Ich war jemand, der anderen auch mal einen auf die Fresse gegeben hat“, gestand er. Viele würden das tun, weil sie denken, dass es cool ist. „Gewalt macht keinen coolen Macker aus. Gewalt macht kaputt. Was hat der Junge von damals davon, dass er mich geschlagen hat? Seine Freundin hat ihn nämlich sofort verlassen, als sie von der Tat erfahren hat“, sagte Christoph.

Auch wenn der 31-Jährige in seinem Leben schon viel durchmachen musste, kam es für ihn nie infrage, aufzugeben. Er führt sein Leben nach dem Motto: „Man erhält, was man sät.“ Ihm ist es wichtig, für seine Ziele zu kämpfen. Dass sich dies bei ihm ausgezahlt hat und sein Leben jetzt „geil“ ist, verdeutlichte er an seinem Projekt „First Togetherness“, das er vor einigen Jahren ins Leben gerufen hat. Mittlerweile hat er viele prominente Paten, die ihn bei seiner Arbeit unterstützen und mit für Gerechtigkeit kämpfen. Für dieses Projekt wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet. Er war zudem einige Male im Fernsehen zu sehen.

Sprachlosigkeit bleibt

Seine Worte ermutigten die Schüler wieder. Trotzdem bleibt bei den meisten Zuhörern wohl erst einmal ein Kloß im Hals zurück. So ging es zumindest dem 17-jährigen Sean Frank. „Ich kann den Vortrag nicht in Worte fassen. Mich haben Christophs Worte wirklich berührt“, sagte er. Der Goslarer erkannte sich in der Geschichte sogar selbst wieder: „Ich mache Musik, und bei Christoph hat man gesehen, wie schnell alles vorbei sein kann. Seine Worte haben mir die Augen geöffnet. Das sage ich jetzt nicht einfach nur so.“

Dem 16-jährigen Miguel Reinert ging es ähnlich. Ihn hat die Geschichte emotional getroffen. Er teilte zudem Christophs Ansicht zur Coolness. Für den Clausthaler ist es richtig cool, wenn jemand mal „Nein“ sagen kann: „Nein zu Drogen, zu Alkohol und zur Gewalt.“







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