Freitag, 13.09.2019

Ein Kaiserring-Porträt ganz ohne Bild

Große Kunst erwartet die Menschen im Harz nächste Woche: Die Kaiserstadt überreicht am 21. September zum 44. Mal den Kaiserring. Nach dem medial gewieften und extrovertierten deutschen Foto-Künstler Wolfgang Tillmans, einem der momentan gefragtesten modernen Künstler weltweit, betritt diesmal in der Kaiserpfalz eine geradezu scheue Frau die Bühne – Barbara Kruger.

Fotoapparaten oder TV-Kameras weicht sie konsequent aus, vermutlich würde es nicht mal Wolfgang Tillmans gelingen, die Künstlerkollegin aus den USA von einem Porträt zu überzeugen – zumindest nicht zur Veröffentlichung. So sind Fotos von Barbara Kruger wohl deutlich seltener als ihre Kunstwerke.

Nicht mal der Zeitschrift „Emma“ oder der Wochenzeitung „Die Zeit“ ist es für aktuelle Interviews im Vorfeld der Kaiserring-Verleihung gelungen, in den vergangenen Tagen ein aktuelles Foto von Barbara Kruger zu schießen. Die 1945 in Newark/New Jersey geborene Konzept-Künstlerin hat also eine besondere und zwiespältige Beziehung zur medialen Bilderflut, der sie sich selbst durch Verweigerung des eigenen Abbildes entzieht. Stattdessen prangen in den großformatigen journalistischen Beiträgen von „Emma“ und „Zeit“ ausgewählte Motive von Krugers Kunstwerken. Und auch die sind wahrlich großformatig und vor allem plakativ: „We don’t need another hero“, überschreibt sie beispielsweise ein Werbebild, das offenbar aus den fünfziger Jahren stammt. Ein Mädchen mit Zöpfen schaut einem pausbäckigen Jungen über die Schulter, der gerade stolz seinen Bizeps spielen lässt. „We Don’t Need Another Hero“ heißt gleichermaßen der Titel einer Ballade, den die Rockröhre Tina Turner in den achtziger Jahren für einen Kinofilm von harten Männern sang: „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“.

Zwei Motive, die für „Emma“ wie die Faust aufs Auge passen, wenn dieser brutale Vergleich an dieser Stelle mal erlaubt sei. Denn Feministinnen ist das Macho-Gehabe von Männern seit eh und je ein Dorn im Auge. Und gerade Barbara Kruger gehört zu den Feministinnen der ersten Stunden.

Durch ihre künstlerische Ausdruckskraft fand ihre Botschaft schon vor Jahrzehnten weltweiten Raum. Ausstellungen, Plakatwände, T-Shirts, ja ganze Hausfassaden hat die Grafikerin Barbara Kruger illustriert. Meist geht es um das Spannungsfeld von Macht und Gesellschaft. Im Zeitgeist von Social Media, Verschwörungstheoretikern, gepachteter Wahrheit und Rassismus soll eine aktuelle Botschaft von Barbara Kruger hier nicht ausgespart bleiben – wenn auch vielleicht ein wenig derbe formuliert. In weißen Großbuchstaben auf rotem Rechteck plakatiert sie: „Meine Leute sind besser als Ihre Leute. Wir sind mächtiger, intelligenter, schöner, moralischer, kultivierter und sauberer. Wir sind gut, und ihr seid böse. Gott ist auf unserer Seite. Unsere Scheiße stinkt nicht, und wir haben alles erfunden.“Vielen bürgerlich verbrämten und vermeintlich volksnahen Politschreihälsen könnten wir dieses Plakat nun als Spiegel vorhalten, vielleicht merken sie ja was. Donald Trump, zum Beispiel, wenn wir mal über den großen Teich in Krugers Heimat blicken.

Die Künstlerin findet Trump dabei gar nicht idiotisch, wie die „Zeit“ schreibt, sondern vielmehr knallhart berechnend: „Der brodelnde Hass ist Realität. Jeder, der glaubt, dass Donald Trump ein Idiot ist, ist selber ein Idiot“, sagt Barbara Kruger im Interview. Ihr Gesicht hätte wohl mancher dabei gerne gesehen, aber Kruger lässt sich eben nicht fotografieren. Vielleicht bietet sich ja dann zumindest bei der Preisverleihung im Goslarer Kaisersaal die Chance, von der gefragten US-Künstlerin mal ein Bild zu machen, wenigstens aus der Entfernung.

Ein Kunstwerk von Barbara Kruger soll vor dem nächsten Wochenende aber schon für alle Menschen in Goslar sichtbar werden – mitten auf dem Marktplatz. Eines ist garantiert: Über die Botschaft lässt sich wieder trefflich diskutieren.

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