Freitag, 15.11.2019

Ein Goslarer regiert künftig Hannover

Ist es wichtig, wenn ein Türke in Hannover zum Oberbürgermeister gewählt wird? In jedem Fall, denn das wäre wohl ein glatter Rechtsbruch. Nach den kommunalen Wahlgesetzen in Niedersachsen dürfen Menschen gewählt werden, die mindestens 18 Jahre alt sind, seit mindestens sechs Monaten in der Gemeinde leben, die deutsche Staatsangehörigkeit oder die eines anderen EU-Mitgliedsstaats besitzen. Somit ist eines mal sonnenklar: Voriges Wochenende hat die Mehrheit in der Landeshauptstadt mit Belit Onay einen deutschen Politiker zum künftigen Stadtoberhaupt gewählt.

Aus unserer Harzer Perspektive ist es schon deutlich interessanter, dass dort überraschend ein Junge aus Goslar neuer Oberbürgermeister in Hannover wird, denn Onay ist in der Kaiserstadt aufgewachsen, hat hier im Harz sein Abitur gemacht, viele kennen ihn – und haben ihm vermutlich aus Lokalpatriotismus auch ein wenig die Daumen bei der Stichwahl gedrückt. Es könnte also alles so einfach, so normal und menschlich sein.

Könnte. Denn während sich im Rathaus von Hannover der grüne Wahlsieger Belit Onay (38) und sein unterlegener CDU-Kontrahent Eckhard Scholz vor applaudierendem Publikum fair in die Arme fallen, ploppen in den digitalen Netzwerken schon die üblichen Tiraden, Verdächtigungen, Verleumdungen, Verbiegungen und Fake-Nachrichten auf. „Ich freue mich ja sehr über das neue Interesse an meiner Person – aber glaubt nicht alles, was ihr im Netz über mich lest“, kommentiert Onay auf seiner Facebook-Seite – und erhält darauf 190 Antworten, die ihm den Rücken stärken. Dazu gehört auch Klaus Marwede aus Bad Harzburg, der schalkhaft anmerkt: „Lieber Belit Onay, wenn du die ,Islamisierung‘ bist, dann bin ich einverstanden.“

Vor allem aus der rechtspopulistischen Ecke aber werden Hinweise und angebliche Belege aufgetischt, die Onay wiederum in die Ecke von Islamisten stellen sollen – und damit zur Gefahr für Hannover, Deutschland und vielleicht das gesamte Abendland. Ihnen geht es nicht um Inhalte oder um eine parteipolitische Auseinandersetzung wie im Wahlkampf. Ein Faktenfinder der Tagesschau recherchiert denn auch viele Beiträge online und stößt auf inzwischen übliche Tricks der Verleumdung und Fälschung: Bilder, die angeblich feiernde Onay-Fans nach dem Wahlerfolg in Hannover zeigen – in Wahrheit aber drei Jahre alte Motive von Anhängern des türkischen Präsidenten Erdogan in Istanbul sind. Twitter-Beiträge verbreiten zudem ein Video, auf dem Männer mit Türkei-Fahnen und Pyrotechnik durch die Straßen ziehen. Kommentar: „Türken haben die Stadt übernommen und feiern es auch gebührend.“ Das gleiche Video bebilderte in digitalen Netzwerken schon im September vermeintliche Nachrichten über eine türkische Hochzeit in Dortmund.

In Hannover jedenfalls, wo 52,9 Prozent der Wähler dem Grünen-Kandidaten Belit Onay vorigen Sonntag das Vertrauen aussprachen, waren solche Szenen nicht zu sehen. Warum auch? Es gibt rund drei Millionen Menschen in Deutschland, deren Familien türkische Wurzeln haben, über die Hälfte von ihnen ist in Deutschland aufgewachsen. Dass nun erstmals ein türkischstämmiger Deutscher auch Oberbürgermeister einer Großstadt wird, klingt vielleicht sensationell. Aber ist das wirklich eine Sensation?

Vielmehr hat die wahlberechtigten Menschen am Sonntag offenbar berührt, dass Onay den Verkehr in Hannover in andere Bahnen lenken will. Nach einschlägiger und leidvoller Stau-Erfahrung in der Landeshauptstadt kann man dem Goslarer da nur gutes Gelingen wünschen. Vielleicht dann auch in ebenso brisanten Fragen türkischer Parallelgesellschaften, die es leider auch in Deutschland gibt. Aber über all das können und sollten wir ja in Deutschland sachlich und leidenschaftlich streiten. Das unterscheidet dieses Land so wohltuend von politischen Bedingungen wie in der Türkei, wo ein Erdogan despotisch regiert. Die bedrückenden Folgen von Hetze, Verleumdung und Unfreiheit konnten Besucher diese Woche in der Frankenberger Kirche in Goslar erleben – beim Vortrag von Mesale Tolu, der kurdischstämmigen deutschen Journalistin, die 2017 in der Türkei inhaftiert war. Wie stehen Sie zu dem Thema? Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de