Freitag, 23.11.2018

Draufhauen, nur weil es von Spahn ist?

Er wäre gerne der neue CDU-Vorsitzende, aber wo wir gehen stehen und gucken, wird Jens Spahn (38) bereits als der große Verlierer abgestempelt. Was er auch vorschlägt, der forsche Unionsmann wird abgewatscht – ob im politischen Dialog oder in Talkshows, Nachrichten oder Magazinen des Fernsehens. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht Nachrichtensprecherinnen und -sprecher den Unionsmann abkanzeln. Und die ganze Satire- und Comedy-Indu-strie zieht Spahn mit scheinbar wachsendem Vergnügen durch den Kakao. Dieser „Loser“.

Spahn sieht den geplanten Mi-grationspakt der Vereinten Nationen kritisch – dafür gibt‘s Watschen. Da hilft es auch wenig, dass Kritik beispielsweise auch aus Israel, Australien oder anderen Staaten kommt. Spahn schlägt vor, Pflegekräfte für Mehrarbeit zu animieren – schon prasselt ein „Shitstorm“ in den digitalen Netzwerken auf ihn ein. Dabei meinte er gar nicht, dass Pflegekräfte faul seien, sondern im Gegenteil: Weil sie so enorm wichtige Arbeit leisten für Patienten und Gesellschaft, aber viele Stellen nicht besetzt werden können, wollte Spahn sondieren, ob nicht ein Teil der Teilzeitbeschäftigten ihre Stunden aufstocken – gegen Entlohnung natürlich.

Stereotyp und geradezu reflexhaft ziehen vor allem manche TV-Moderatorinnen die gedankliche Schublade, wenn Jens Spahn nur den Mund aufmacht. Das heute journal lieferte uns vor Tagen ein Beispiel dafür: Der Unionsmann und Bundesgesundheitsminister hatte vorgeschlagen, dass Kinderlose stärker in die Renten- und Pflegeversicherung einzahlen sollten als Eltern mit Kindern. Schon die Anmoderation nahm Spahn aufs Korn, der Kommentar im Anschluss noch viel stärker. Und dazwischen lief ein Beitrag, in dem ausschließlich kinderlose Frauen zu Wort kamen und erklärten, was sie nun von Spahns Gedanken hielten. Tenor: Wir haben keine Kinder, oder wir haben uns bewusst gegen Kinder entschieden. Höhere Sozialbeiträge für Kinderlose seien ungerecht, zumal sie ohnehin schon 0,25 Prozent mehr in die Pflegekassen einzahlen müssten.

Und überhaupt: Wir lassen uns von einem Politiker doch nicht vorschreiben, Kinder in die Welt zu setzen. Oder wie es eine der Befragten in einem Buch ausdrückte: „Vögeln fürs Vaterland? Nein danke!“. Ich bitte um Nachsicht für die grobe Formulierung, aber es handelt sich nun mal um den Buchtitel.

Mit keinem Wort hatte Spahn indes in Zweifel gezogen, dass Frauen oder Paare selbst darüber entscheiden können, ob sie Kinder haben möchten oder nicht. Er hat auch nicht verschwiegen, dass es Paare gibt, die Kinder möchten, aber der Wunsch unerfüllt bleibt. Der bekennende Homosexuelle Jens Spahn sollte auch nicht grundsätzlich verdächtigt werden, eine liberale Gesellschaft von heute ins 19. Jahrhundert zurückexpedieren zu wollen. Aber er hatte sich erlaubt, darüber nachzudenken, ob das bestehende System der Sozialversicherungen nicht ungerecht sei für Familien. Schließlich müssen deren Kinder später nicht nur die Kinderlosen pflegen, sondern auch deren Rente und Pflege finanzieren – über ihre eigenen Versorgungslasten hinaus.

Daran ändern auch all die eilfertigen Vorschläge nichts, die sich gegen Spahns Vorstoß wandten. Devise: Familie und Generationenvertrag seien so wichtig, dass dafür alle Steuerzahler gleichermaßen aufkommen müssten. Nun, diese Leier hören wir schon seit dem Pillenknick der 1960er-Jahre – ohne dass sich an der deutlichen sozialen und finanziellen Mehrbelastung von Familien etwas Grundsätzliches geändert hätte.

Vielleicht hätten in dem TV-Beitrag also auch ein paar überzeugte Mütter und deren Alltag ins Bild gesetzt werden können. Es gibt ja auch moderne Menschen und Paare, die sich ganz bewusst für ein Leben mit Kindern entschieden haben. Sogar ohne weitere Entlastung bei Renten- und Pflegeversicherung, sondern weil Kinder einfach großartig sind. Gott sei Dank, möchte ich sagen – und ironisch anfügen: Wer sollte denn sonst die Kinderlosen im Alter pflegen und finanzieren?

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