Dienstag, 23.05.2017

Die stinkende Königin

Die einen nennen sie die Königin der Früchte, die anderen Kotzfrucht. Bei gesitteten Zeitgenossen heißt sie, ebenfalls nicht gerade einladend, Stinkfrucht – die Durian.

Sie ist einerseits das wohl am höchsten geschätzte und auch teuer gehandelte Obst Südostasiens und hat andererseits einen Ruf, der ihm sogar Transportverbote in öffentlichen Verkehrsmitteln einiger Länder einbringt. Das Zeichen einer durchgestrichenen Durianfrucht, mit Androhung saftiger Bußgelder findet man dort häufig in Metrostationen.

Meine erste Begegnung mit der ungewöhnlichen Frucht hatte ich bei einer Radtour durch Singapur. In einem Park wuchsen Durian-Früchte, groß wie ein Kinderkopf, mit spitzen harten Stacheln auf der Schale. Die Dinger wurden früher auch schon mal als Waffe eingesetzt, habe ich gelesen. Aber eigentlich waren sie ganz nett anzuschauen und auch nicht irgendwie übelriechend. Meine erste olfactorische Begegnung mit der Durian hatte ich wenig später auf einem Markt. In dem Gewirr der vielen kleinen Stände war der Obststand noch gar nicht auszumachen – aber schon aus hundert Meter Entfernung zu riechen. Was heißt riechen, es stank.

Eigentlich ist der Geruch der Durian unbeschreiblich. Viele Asienkenner charakterisieren den Gestank der geöffneten, vielleicht auch noch überreifen Frucht als Mischung aus faulem Fleisch, Ammoniak, Essig und Erbrochenem. So empfand ich es auch.

Dabei sahen die offensichtlich nicht ganz luftdicht mit Klarsichtfolie verpackten Fruchtstücke durchaus appetitlich aus. Das Fruchtfleisch war gelblich, vielleicht einer Mango ähnlich. Den Geschmack des cremigen Inneren ließ ich mir erst mal beschreiben: süß, puddingartig, schwankend zwischen Vanille, Walnuss und Zwiebeln(!), der Rest undefinierbar. Och nö.

Ich räume freimütig ein, die frische Frucht, bei 28 Grad Außentemperatur und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit zu probieren, habe ich dann doch wegen des penetranten Geruchs gelassen. Obwohl mir versichert wurde, wenn man sich die Nase zuhalte, wäre die Sache o. k. Aber wer möchte sich beim Essen schon die Nase zuhalten.

Später stellte ich fest, dass es auch zahlreiche Produkte mit Durian gibt: Eis, Kekse, Chips, Kuchen, sogar einen Instantkaffee mit Durian-Geschmack habe ich gesehen. – Und alles links liegen gelassen. Die Erinnerung an den Geruch weckte bei mir keine Begehrlichkeiten.

Wieder zu Hause ärgert man sich natürlich. Chance verpasst. Denn etwas zu beurteilen, was man nicht selbst gekostet hat?

Vor allem, was ist mit den verschiedenen Produkten aus Durian? Können die einen nichtasiatischen Gaumen überzeugen?

Im Asialaden meines Vertrauens erntete ich nur einen skeptischen, um nicht zu sagen etwas abweisenden Blick auf meine Frage nach Durian-Produkten: „Nein, nein, so etwas verkaufen wir hier nicht“. Also blieb nur die Online-Suche. Kein Problem, eine Tüte Durian-Chips zu bekommen. Auf frische Frucht, die es für teures Geld auch gab (ich frage mich, wie die verpackt wird, ohne bei der Post einen Geruchsalarm auszulösen), verzichtete ich dankend. Die Chips wurden über einen Londoner Händler aus Thailand beschafft und das für schlappe 3,50 Euro. Lieferzeit eine Woche. Na, das klingt doch gut.

Die Lieferung zog sich dann mehr als einen Monat hin, nicht der Händler, deutsche Zollbehörden waren schuld. Denen war die Chipstüte wohl doch mehr als suspekt. Aber es war tatsächlich nur Durian drin. Und ich muss einräumen, die Wartezeit hat sich gelohnt. Die getrockneten Durian-Scheibchen dufteten nach Röstaromen und hatten einen leicht nussigen Geschmack, an Pistazie und Erdnüsse erinnernd. Keine Spur von schlechten Gerüchen. Ein leckerer, exotischer Snack und für mich die Bestätigung der alten Weisheit, dass Probieren halt über Studieren geht. Sollte mir noch einmal frische Durian begegnen, werde ich sie probieren, notfalls mit zugehaltener Nase – versprochen.

Schreiben Sie dem Autor unter michael.horn(at)goslarsche-zeitung.de.