Freitag, 20.09.2019

Die sonderbare Sache mit der Wahrheit

Man wird doch wohl noch mal die Wahrheit sagen dürfen. Diesen Satz hört vermutlich jeder von uns – immer öfter. Und viele sagen ihn auch selbst – immer öfter. Hand aufs Herz. „Wahrheit“ ist in diesen Zusammenhängen dann aber weniger als juristischer, wissenschaftlicher oder gar ethischer Begriff gemeint, der zur Wahrheitsfindung dient, sondern als Selbstbestätigung einer ganz persönlichen und subjektiven Meinung. In Wahrheit ist Wahrheit also in diesen Zeiten zum vielleicht dehnbarsten Begriff geworden, wie Kaugummi klebt er an den Sohlen von Menschen, die die Wahrheit für sich gepachtet haben wollen.

Damit es jetzt nicht allzu blumig wird, möchte ich an dieser Stelle mal kurzen Einblick in die Auseinandersetzungen einer Redaktion geben, die sich mit immer mehr Wahrheiten auseinandersetzen muss. Ein Beispiel bei uns im Harz ist die hitzige Auseinandersetzung um Fichten, Borkenkäfer und den Nationalpark. Die einen sehen Monokulturen aus Fichten schlicht als eine der wesentlichen Ursachen des Borkenkäfer-Desasters. Daher sei es nur konsequent, den Wald nunmehr seiner Selbstverjüngung zu überlassen, aus der auf lange Sicht dann ein gesunder Mischwald werde. Die anderen können das Baumsterben nicht ertragen, sehen überdies Holzerträge nutzlos vergammeln und prophezeien negative Folgen für den Tourismus. Dazwischen scheint in den hitzigen Wortgefechten fast keine Verständigung.

Während es bei den Fichten noch um ein im wahrsten Sinne greifbares Thema geht, führen andere ihren Kampf um die Wahrheit wahrlich im Kabinett der Kuriositäten. Ein nimmermüder Schreiber versucht seit Jahren, der ganzen Welt und mithin auch der GZ-Redaktion klarzumachen, dass neben der parlamentarischen Demokratie unter anderem auch das Geld abgeschafft werden müsse, weil es in Wahrheit nur das perfide Instrument von Macht und Gier einer international verschworenen Clique ist, um den Rest der Menschheit zu unterdrücken. Andere wiederum sind auf dem Pfad der „Reichsbürger“ und berufen sich darauf, dass die Bundesrepublik Deutschland in Wahrheit gar nicht existiere, um sich fortan eine Welt mit eigenen Gesetzen basteln zu dürfen – und sich zugleich allen lästigen bundesdeutschen Bürgerpflichten zu entziehen.

Manche wähnen das Unheil eher in Laboren wie aus Frankensteins Küche. Neulich schrieb uns eine promovierte Medizinerin, Heilpraktikerin und Allwissende aus Süddeutschland, dass die bunten Bilder von Sonnenuntergängen aus dem Harz ja nur deshalb so schön schillernd seien, weil eine verschworene Gruppe durch unerlaubtes Geo-Engineering, etwa durch geheimes Einbringen von Chemikalien, die Atmosphäre verändert habe. Das sei erwiesen, und darüber müsse die Redaktion die Menschen im Harz dringend aufklären.

Und sei sie noch so strittig, abwegig oder sonderbar: Hauptsache, die Meinung richtet sich gegen den „Mainstream“, denn bei einer wachsenden Zahl von Menschen hat sich scheinbar festgesetzt, dass es schon reicht, gegen die Mehrheit von Politikern, Unternehmern, Wissenschaftlern, Richtern, Kirchen, Verbänden und natürlich auch Journalisten zu sein, um auf der Seite der Wahrheit zu stehen. Schließlich wollen die Gebrandmarkten angeblich mit einer Meinungsdiktatur nur das Volk hinters Licht führen und stecken alle unter einer Decke.

Was bei vielen Wahrheitspächtern auffällt: Sie behaupten meist, dass es in Deutschland keine Meinungsfreiheit mehr gebe, während sie selbst gerade dieses Recht in extensiver Manier wahrnehmen. Zugleich sind Ihre Erklärungen oft so ausufernd, dass sie ganze Bücher füllen. Deshalb hier nur noch ein kurzer Hinweis: Die Wahrheit liegt oft in der Mitte.

Wie stehen Sie zu dem Thema? Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de