Freitag, 16.11.2018

Die schöne neue Welt ohne Diesel

Warum nur ein paar Straßen in Hamburg für Diesel sperren? Besser gleich die Dieselproduktion stoppen, ein Verbot der Kreuzfahrtschiffe, eventuell müsste man den Hamburger Hafen gleich ganz zumachen. Das wäre was!“ So zynisch ließ sich Kathrin Spoerr, Reporterin des Wochenblatts Die Zeit, im Frühjahr zum Dieselskandal ein. Devise: „Alles verbieten, das wäre klimagerecht.“ Und dabei malt sie mit aller Ironie ein teuflisch schönes Bild an die Wand: Nervige Passagiere müssten künftig draußen bleiben, all die stinkenden Fabriken dürften schließen, kein Schmutz mehr auf Straßen und in der Luft, luxuriöse Fabrikantenvillen in Blankenese gäbe es künftig zum sozialgerechten Schnäppchenpreis. „Es wäre das Paradies. Und auch die Bundesregierung hätte was davon. Sie würde endlich ihre Klimaziele erreichen“, folgert die Reporterin. Zumal Kreuzfahrtschiffe, vor allem aber die schwimmenden Containergiganten, die Schadstoffwerte von Dieselautos um galaktische Dimensionen übertreffen, möchte man anfügen.

Es braucht nicht viel mehr Phantasie und Zynismus, um diese schöne neue Welt auch zu uns in den Harz zu übertragen. Stellen wir uns beispielsweise vor, die Deutsche Umwelthilfe, also dieser von Kritikern seinerseits als Lobbyistenloge gerügte Verein, würde in den engen Altstadtgassen von Goslar geschickt ein paar Messstellen einrichten – etwa vorm Pressehaus der Goslarschen Zeitung. Also genau dort, wo sich bei Karstadt entlang manchmal Stadtbusse und Lkw vor Dieselautos durch die Schlucht der Bäckerstraße schieben. Oder vielleicht in einer Parallelstraße, wo gerade Umzugslastwagen und Paket-Transporter auf holprigem Pflaster um die Vorfahrt ringen. Wir müssen alle keine Propheten sein, um das Ergebnis erahnen zu können: Die gültigen Grenzwerte bei Feinstaub und Stickoxiden werden womöglich immer mal wieder überschritten, beim Espresso im Straßencafé an der Ecke lauert ohne Atemschutzmaske vermeintlich Lebensgefahr – und überhaupt: Abgase bedrohen das gesamte Weltkulturerbe.

Weg also mit all dem Verkehr, bitte selbst im Harzer Winter – vor allem bei nebliger Inversionswetterlage – nur noch elektrische Heizpilze und Warmluftgebläse verwenden, sollten wir nicht in einem modernen Null-Energie-Haus wohnen. Aber diese Standards bleiben im historischen und von den Vereinten Nationen gesicherten Ensemble aus Fachwerk und Gotik wohl auch in Zukunft die wahre Rarität. Wie also vorgehen? Ganz Goslar den Chinesen zum Kauf anbieten, die dann in der deutschen Kaiserstadt nur noch Elektrofahrzeuge mit Akku-Speisung aus asiatischer Produktion laufen lassen? Eine Art mittelalterliches Disneyland mit Eintrittskartenverkauf für Besucher am Breiten Tor? Und die Bergbaustollen am Rammelsberg zu Sondermülldeponien für all die elektrisch verbrauchten Lithium-Ionen-Akkumulatoren herrichten?

Ja, ich weiß – das ist jetzt auch nur zynische Schwarzmalerei. Wenngleich mich – als Dieselautofahrer – die jüngsten Einlassungen des Lungenfacharztes Professor Dr. Dieter Köhler doch langsam in die schiere Verzweiflung treiben. „Die Schadstoffbelastung in Städten ist völlig unbedenklich“, lässt er sich in Zeitungen, Fernsehen und Magazinen zitieren. Köhler bezweifelt nämlich die wissenschaftlich propagierten Zusammenhänge zwischen Dieselabgasen und akuter Gesundheitsgefahr. Motto: Dann könnte man auch die seit Jahrzehnten steigende Lebenserwartung von Menschen in statistische Korrelation mit dem stetig gewachsenen Kfz-Bestand bringen: je mehr Autos desto länger das Leben. Absurd also – wie so vieles in der aktuellen Dieseldebatte. Stattdessen erinnert Köhler daran, dass der Ausstoß von Stickoxiden in Deutschland durch Katalysatoren seit 1990 auf ein Drittel gesunken sei und die Feinstaubbelastung durch Filter für Fabriken und Dieselautos seit dem Jahr 2000 um fast die Hälfte.

Welche Erkenntnis für Verbraucher bleibt also? Verkaufen Sie doch zu politischen Billigstpreisen Ihren nur drei, vier Jahre alten Diesel endlich. Dabei machen Sie schon so viel Verlust, dass Sie sich den Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff über Jahre hinweg ohnehin nicht mehr leisten können. Damit wird die Luft im Harz besser – und im Hamburger Hafen ebenso. Das wäre mal was!

Wie stehen Sie zu dem Thema? Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de