Montag, 11.02.2019

Die Wiedergeburt des Roten Höhenviehs

Die Rasse sollte eigentlich schon seit vielen Jahren ausgestorben sein. Das Rote Höhenvieh, ein auch im Harz früher weitverbreitetes Rind, war für die Fleisch- und Milchproduktionsoptimierer in der Agrarindustrie nicht attraktiv genug. Denn das Tier war ein klassisches Dreinutzungsrind. 

Es lieferte Milch, Fleisch und leistete Spanndienste beim Pflügen und zog den Wagen. Mit den auf Milch- oder Fleischproduktion spezialisierten Leistungsrassen war es natürlich nicht konkurrenzfähig. Der letzte reinrassige Höhenviehbulle wurde bis 1964 zur Zucht eingesetzt.

Fast ausgestorben

In den 1980er Jahren hieß es dann: Die Genreserve wird aufgegeben. Das Rote Höhenvieh war für die industrielle Landwirtschaft endgültig uninteressant geworden. Ein unbekannter Besamungstechniker aus Gießen – so geht zumindest eine nette Anekdote – soll sich den behördlichen Anweisungen wiedersetzt und die letzten Samenportionen eines reinrassigen Zuchtbullen bei der Inventur im Gefrierschrank immer wieder nach hinten gestellt haben. So überlebte die männliche Linie des Höhenviehs und konnte später wieder nachgezüchtet werden. All die prächtigen rotbraunen Tiere mit den großen Hörnern heute dürften irgendwie Nachkommen dieses letzten Bullen sein. Und dass es sie heute wieder gibt, ist einigen Idealisten zu danken, die sich für die Erhaltung einsetzten.

Einer von ihnen ist Uwe Thielecke aus Tanne im Ostharz. Der Landwirt, durch den Umbruch der Wende in einen anderen Beruf gewechselt, bekam 1995 von seiner Frau ein Kälbchen zum Geburtstag geschenkt – und fing mit seiner Familie noch einmal ganz neu an. Heute stehen auf den Bergwiesen der Thieleckes mehr als 500 dieser einst harztypischen Tiere. Er selbst hat sich als „Brockenbauer“ bei Fleischfreunden einen Namen gemacht. Denn auf dem Hof der Thieleckes kann man nicht nur Fleisch und Wurst vom Harzer Roten Höhenvieh kaufen, sondern sich im hauseigenen Gasthaus gleich ein feines Steak oder einen leckeren Schmorbraten schmecken lassen. Das Fleisch hat einen guten Biss und viel Aroma. Man merkt, dass die Tiere viel im Freien unterwegs sind und sich hauptsächlich von Gras und Kräutern ernähren.

Deutschland ist Milch-Land

Doch woran liegt es eigentlich, dass der deutsche Rindfleischliebhaber mehr von irischen, amerikanischen oder im abgefahrenen Gourmet-Bereich von Kobe-Rindern aus Japan schwärmt? Die Erklärung ist für mich so einfach wie einleuchtend: Deutschland ist ein Milch-Land, kein Steak-Land. Die hochgezüchteten Milchrinder sollen auch wieder Nachkommen mit dicken Eutern und eher wenig Fleisch auf den Rippen haben. Und was an deutschen Supermarkt-Theken als Fleisch vom deutschen Jungbullen verkauft wird, sind dann eben oft die männlichen Nachkommen, die verständlicherweise für die Milchwirtschaft ungeeignet sind. Solche Tiere haben wenig intramuskuläres Fett, im Gegensatz zu speziellen Fleischrindern. Und, dass Fett ein entscheidender Geschmacksträger ist, hat sich selbst unter den Kalorienbewussten in Deutschland herumgesprochen.

Das Rote Höhenvieh wird derzeit wieder in sechs Bundesländern gezüchtet, besagt die Statistik. Die einst fast ausgestorbene Rasse ist inzwischen wieder auf heute registrierte 2008 Herdbuchtiere bundsweit angewachsen.

Zunehmende Beliebtheit

Rotes Höhenvieh erfreut sich auch in unserer Region zunehmender Beliebtheit. Verschiedene Harzer Landwirte halten es wieder, ein Osteroder Bio-Bauer erhielt für seine Zuchterfolge sogar den begehrten Ceres Award, einen der bedeutendsten Landwirtschaftspreise im deutschsprachigen Raum. Und bei Gastronomen in Goslar und Wildemann zum Beispiel stehen Gerichte vom Harzer Roten Höhenvieh als regionale Spezialität auf der Karte. Ein Züchter brachte es einmal mit einem Bonmot auf den Punkt „Man muss die Rasse essen, um sie zu erhalten.“

So avanciert das Fleisch eines fast ausgestorbenen Tieres zu einem hochwertigen regionalen Produkt. Ein weiterer Lichtblick, wie es im Harz kulinarisch aufwärts geht.

Schreiben Sie dem Autor unter michael.horn(at)goslarsche-zeitung.de.

ERGÄNZUNG

Das Kulinarium über die Wiedergeburt des Roten Höhenviehs in Deutschland hat viel Resonanz aus gelöst und bedarf einer wichtigen Ergänzung. Denn nicht unerwähnt sollen die Verdienste von Wolfgang Beuse um die Wiedergeburt der alten Rasse bleiben, der sich auf seinem Hof „Klein Tirol“ in Wildemann seit Jahrzehnten für den Erhalt alter Harzer Rassen eingesetzt hat. Er gilt im Harz als „Vater“ des Roten Höhenviehs, hatte als Erster mit der Nachzucht begonnen.  mh