Freitag, 13.11.2020

Die Wasserspiele im Oberharz

Strom und Gas, das bringt was“, heißt es so schön im neuen „Tatort Trinkwasser“. Der läuft zwar am Sonntag nicht nach der Tagesschau im Ersten, sondern als kompakter Viertelstünder auf YouTube. Aber was das Oberharzer Knuffeltheater mit parodistischer Komik auf die improvisierte Kleinstbühne bringt, ist zumindest spannender und griffiger als ein vergeistigter Tatort-Krimi mit dem halluzinierenden LKA-Beamten Ulrich Tukur. Überdies haben in Clausthal-Zellerfeld mit Hausdurchsuchungen Anfang Oktober längst echte Ermittler die Fährte aufgenommen – während die Schauspieler wohl eher im Aufsichtsrat und in der Geschäftsführung bei den Stadtwerken sitzen.

Strom und Gas, das bringt was“, heißt es so schön im neuen „Tatort Trinkwasser“. Der läuft zwar am Sonntag nicht nach der Tagesschau im Ersten, sondern als kompakter Viertelstünder auf YouTube. Aber was das Oberharzer Knuffeltheater mit pa-rodistischer Komik auf die improvisierte Kleinstbühne bringt, ist zumindest spannender und griffiger als ein vergeistigter Tatort-Krimi mit dem halluzinierenden LKA-Beamten Ulrich Tukur. Überdies haben in Clausthal-Zellerfeld mit Hausdurchsuchungen Anfang Oktober längst echte Ermittler die Fährte aufgenommen – während die Schauspieler wohl eher im Aufsichtsrat und in der Geschäftsführung bei den Stadtwerken sitzen.

Ob ihnen statt Gage dereinst Bußgelder drohen, bleibt abzuwarten. Zumindest aber hat die Kreisverwaltung eines klargemacht: Einfach mal die Bürgermeisterin im Aufsichtsrat abzuservieren und ansonsten als vermeintlich ahnungslose Ehrenamtler im Gremium einer städtischen GmbH huldvoll die Anerkennung des Oberharzer Publikums in Empfang zu nehmen, das läuft nicht.

Erstens sind es viele Menschen in Clausthal-Zellerfeld leid, ausgerechnet im bundesweit gelobten Harzer Wasserparadies mit brauner Brühe aus dem Hahn und Abkochgebot leben zu müssen. Zweitens unterstreicht der Landkreis: Ein Aufsichtsrat muss die Geschäftsführung kontrollieren und überwachen. Diese Aufgabe sei von jedem einzelnen „mit der Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Aufsichtsratsmitglieds zu erledigen“. Und im Gesellschaftsrecht einer GmbH sind auch die Haftungsfragen festgelegt, wie der Landkreis nachlegt: „Verletzen die Mitglieder des Aufsichtsrats ihre Kontroll- und Überwachungspflichten schuldhaft, sind sie grundsätzlich zum Ersatz des daraus resultierenden Schadens verpflichtet.“

Zum Nutzen der Kunden – nämlich der Bürgerinnen und Bürger der Berg- und Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld, ist nun immerhin endlich eine mobile Ultrafiltrationsanlage am Wasserwerk Kellerhalsteich in Betrieb gegangen. Damit endet nach rund zwei Monaten vorerst das Abkochgebot fürs Trinkwasser. Und immerhin tut sich nach langer Zeit des vom Aufsichtsrat abgesegneten Nichtstuns ein erster greifbarer Verdacht auf, woher die Fäkalbakterien im Trinkwasser stammen könnten: Nein, es ist nicht etwa die Schuld der nahe am Teich Gassi geführten Vierbeiner, wie es der Mediziner und Aufsichtsratsmann von Gerstenbergk-Helldorf ernsthaft in einer öffentlichen Sitzung des Stadtrats zu erklären versuchte, sondern möglicherweise die aus Hanf bestehenden Dichtungen in den alten Leitungen des Wasserwerks. Andere Betreiber hätten ähnliche Erfahrungen mit Hanfdichtungen gemacht, schildert dazu ein Fachmann der Stadtwerke. Da bleibt die Frage offen, weshalb sie nicht früher drauf gekommen sind – und stattdessen in schöner Regelmäßigkeit die Verantwortung für schlechtes Trinkwasser auf die Bürgerinnen und Bürger abgeschoben haben, weil deren hauseigene Filteranlagen angeblich nicht ordnungsgemäß funktionierten.

Moderne Dichtungen aus Teflon sollen jetzt also nachgerüstet werden am Wasserwerk. Ob die satte Mehrheit im Aufsichtsrat alsbald ihre Teflonbeschichtung ablegt, bleibt dahingestellt. Kritik und die Forderung nach unabhängiger Ursachenforschung kam bisher jedenfalls nur von der Fraktion der Kritischen Bürger und in Ansätzen von der Verwaltungschefin. Wenngleich sich manch Kritiker von der Bürgermeisterin deutlich mehr Durchschlagskraft erwartet hätte, um das Trauerspiel um die Stadtwerke zu beenden.

Stattdessen aber signalisieren die Stadtwerke in geradezu traumtänzerischer Manier, ihren Kunden für die Zeit des Abkochgebots einen Wasserrabatt von 25 Prozent anbieten zu wollen. Nein, liebe Clausthaler und Zellerfelder, die ganze Chose müsst ihr als Kunden sowieso bezahlen, denn ihr habt ja keine Wahl beim Anbieter. Nach Adam Riese müssen die Bürgerinnen und Bürger genau das, was ihnen die Stadtwerke als Rabatt vorrechnen, am Ende doppelt und dreifach wieder draufzahlen. Denn durch veraltete Technik, Missmanagement, jahrelanges Abzweigen von Gewinnen in den Haushalt der Stadt und tatenloses Zuschauen im Aufsichtsrat werden die Wasserpreise durch Ebbe in der Kasse und nötige millionenschwere Investitionen demnächst wohl sprunghaft ansteigen. Da helfen auch Strom und Gas im Portfolio der Stadtwerke nichts.

Vielmehr bleibt für die Ermittler zu prüfen, welche „Rabatte“ in der Vergangenheit unrechtmäßig durch Kumpanei und Günstlingswirtschaft verteilt worden sind. Dazu sollten jedenfalls die Hausdurchsuchungen Anfang Oktober dienen.

Für das Oberharzer Knuffeltheater bleibt jedenfalls noch einiger Stoff für weitere tierische Folgen auf der Kleinkunstbühne. Nicht auszuschließen, dass diese Oberharzer Tatort-Reihe noch auf 90 Minuten Spielfilmlänge wächst.

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