Freitag, 06.09.2019

Die Kunst des gebauten Raumes

Architectura nannten es die Römer, architektonia die Griechen. Beides dreht sich um Baukunst, planvolles Entwerfen, Gestalten und Konstruieren von Bauwerken, die ästhetische Auseinandersetzung mit gebautem Raum. So können wir es etwa im Online-Lexikon Wikipedia nachlesen. Diese Definition gibt ein wenig Fundament für eine Diskussion, die momentan viele Gemüter in und um Goslar bewegt: Was passiert da architektonisch im Vorfeld der stolzen Kaiserpfalz, dem legendären Wohnsitz deutscher Könige und Kaiser des hohen Mittelalters?

Von konkreten Zahlen war in der Öffentlichkeit nicht die Rede, aber es dürfte nicht ganz fern liegen, wenn wir mal 60 Millionen Euro in den Raum werfen, der bald architektonisch im Pfalzquartier neu entstehen soll. Dabei geht es wohlgemerkt weniger um öffentliches Geld, sondern mehr um ein privates Engagement, von dem die Öffentlichkeit profitieren soll. Denn die mitgeplante „Multifunktionshalle“, die neben dem Vier-Sterne-Hotel und über der neuen Tiefgarage auf historischem Acker errichtet wird, hat eine millionenschwere Spende der Goslarer Familie Tessner als mächtigen Grundstein.

Geformt werden soll all dies aus einer Architektenhand, die nach Wettbewerb und Jury-Votum nunmehr dem spanisch-deutschen Büro „Nieto Sobejano“ gehört. Enrique Sobejanos Auftritt bei der Bürgerpräsentation in dieser Woche war mindestens beeindruckend. Ruhig, bescheiden, nachdenklich, aber genauso prägnant und nachdrücklich stellte er sein Projekt auf öffentlichem Parkett im Lindenhof vor.

Wie es immer so ist, wenn es um zeitgenössische Architektur geht: Viele applaudieren kräftig, andere lehnen den Entwurf hingegen ab – weil ihnen diese Art der Baukunst nicht behagt. Bezeichnend war dafür der Einwurf eines Bad Harzburgers: Wenn die Fassade nicht aus Schiefer, sondern sandsteinfarben gemauert würde, das Dach nicht flach, sondern mit Giebeln versehen, die Fenster nicht eckig, sondern zumindest teilweise mit Rundbögen wie an der Kaiserpfalz, dann – ja, dann könnte aus Sobejanos Entwurf noch was werden.

In der Praxis aber hieße das, unter der Pfalzwiese quasi ein Abbild des kaiserlichen Wohngebäudes zu schaffen. Obwohl auch das Welterbe-Gebäude in Wahrheit eher eine rekonstruierte Interpretation aus den Kaiserzeiten Wilhelms I. ist – einschließlich der Wandgemälde im Kaisersaal und der Standbilder davor. Und ist die Kaiserpfalz als Bauwerk wirklich schön? Nun, mit dem Märchenschloss Neuschwanstein, dieser romantischen Interpretation mittelalterlicher Ritterszeiten, kann die Goslarer Pfalz in ihrer doch eher sachlichen Anmut kaum konkurrieren. Dabei sind beide Bauten, Neuschwanstein wie die Rekonstruktion der Kaiserpfalz, zur gleichen Zeit im 19. Jahrhundert entstanden. Was viele bei der Kaiserpfalz berührt, ist vor allem die Historie, das Raum-Zeit-Gefüge, auch das erhabene Gefühl, hinter dicken Mauern und aus Rundbögenfenstern einen Blick zu genießen wie ehedem Heinrich III.

Genau das hebt sich so wohltuend ab – etwa vom architektonischen Brutalismus der 1960er und 1970er Jahre, mit dem wir bis heute oft moderne Architektur verbinden. Stahlbetonpfeiler mit pappdünnen Wänden und eckigen Fenstern, hinter deren Rohheit oft ungedämmte Großraumbüros lauerten. Konfektionsware aus dem Betonmischer, bei der heute feuchte und schummrige Hinterhöfe oft das Auffälligste sind.

Mit all dem aber hat der Entwurf von Enrique Sobejano nichts zu tun. Er hat sich auseinandergesetzt mit der Historie des Ortes, mit Kubatur und unregelmäßigen Fensterreihen der Kaiserpfalz, mit Sichtbeziehungen, mittelalterlichen Wallanlagen, dem Schiefergestein als einem prägenden Baustoff der Altstadt. Das alles hat er mit einem Neubau interpretiert.

Somit schafft der Wettbewerbssieger ums Goslarer Kaiserpfalzquartier nicht den besten Entwurf, denn den gibt es nicht – und hat es auch zu Zeiten von Neuschwanstein und Kaiser Wilhelm nicht gegeben. Aber Sobejano schafft mindestens ein Stück international renommierter Architektur, das ein Gelände aus Großparkplatz und Kasernenbauten erlebbar neu in Szene setzt. Eine Prognose wage ich: In wenigen Jahren werden Besucher auch wegen der zeitgenössischen Architektur im Vorfeld der Pfalz in die Kaiserstadt kommen.

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