Freitag, 21.06.2019

Die Kanzlerin im Polizeibericht

Schuster, bleib bei deinen Leisten, sagt ein altes Sprichwort. Will heißen: Konzentriere dich auf das, was du gelernt hast und gut kannst. In der digitalen Welt scheinbar aller Möglichkeiten verblasst für immer mehr Menschen indes die Erkenntnis. Selbst musikalisch Talentfreie präsentieren sich bei YouTube plötzlich als Singer/Songwriter. Wenn sie nur genügend Klicks generieren, und sei es aus Mitleid oder Häme, dann können es diese Showsternchen sogar ins Fernsehen bringen – oder auf eine der von Sangria-Eimern und Promille-Tigern gesäumten Kleinkunstbühnen auf Mallorca.

Fotograf sein kann heutzutage ebenfalls scheinbar jeder, denn mit jedem Smartphone wird die Karriereanleitung samt Bildbearbeitungssoftware mitgeliefert. Geradezu paradox ist die Lage auf dem Markt der Schriftsteller: Immer weniger Menschen nehmen sich zwar die Zeit, mal real und fühlbar ein gutes Buch zur Hand zu nehmen – parallel explodiert aber geradezu das Angebot an Büchern und Autoren, die ihre Meisterwerke im digitalen Selbstverlag an die Öffentlichkeit bringen: Romane, Krimis, Lebenserinnerungen – und vor allem Gedichte. Von Ambitionen in der bildenden Kunst ganz zu schweigen, denn in jedem von uns steckt ja bekanntlich ein Künstler, wie weiland schon die Kunst-Ikone Joseph Beuys deutlich machte.

Für Journalismus gilt das allemal, denn schreiben kann ja mutmaßlich jeder, und mit dem Smartphone in der Tasche werden die authentischen Fotos und Videos gleich dazugeliefert und im Handumdrehen auf digitalen Plattformen hochgeladen. Auch die heimische Polizei tummelt sich inzwischen auf diesem Markt. Da gibt es auf Facebook manchmal kurze Videos, wenn ein Hubschrauber von der Unfallstelle abhebt – oder zuletzt am Mittwoch prompte „Nachrichten“ beim Auftritt der Bundeskanzlerin in Goslar.

Während die akkreditierten Fotografen und Kamerateams von Zeitungen und Rundfunk nach der Begrüßung der Kanzlerin bei der Schülerdiskussion alsbald den Saal verlassen müssen, postet ein Mitarbeiter der Polizei samt Foto aus der Kaiserpfalz: „In diesem Moment haben einige Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, sich persönlich mit Frau Dr. Merkel über regional relevante Themen auszutauschen.“ Eine Stunde später bricht Kanzlerin Angela Merkel mit dem gesamten Tross von Polizei, Personenschutz und Presseleuten zum Rundgang durch die Goslarer Altstadt auf, um sich dann bei einem Empfang im Großen Heiligen Kreuz ins goldene Buch der Stadt einzutragen. Wieder ist die Polizei bei Facebook mit Foto und „Nachricht“ schnell präsent: „Die Stadt Goslar heißt ihre neue Ehrenbürgerin Frau Dr. Merkel mit ihrer Unterschrift im goldenen Buch offiziell willkommen. Herr Gabriel und Herr Dr. Junk gratulieren ihr im Namen aller Bürgerinnen und Bürger.“ Was muss uns an diesen schlichten Facebook-Nachrichten irritieren? Nun, erstens bringen es auch etliche Kommentare von Bürgern schnell auf den Punkt: „Wieso berichtet die Polizei darüber? Um polizeiliche Themen dürfte es dabei doch nicht gehen“, meint einer. Und dann taucht auch die Frage auf, ob Polizisten mit Steuergeld dafür bezahlt werden, bunte Bilder von der Kanzlerin ins Netz zu laden.

Zweitens: Die „Nachrichten“ der Polizei stimmen leider hinten und vorne nicht. Mit dem puren Eintrag ins goldene Buch der Kaiserstadt ist Angela Merkel natürlich nicht gleich „Ehrenbürgerin“ geworden. Und dazu konnten Gabriel und Junk denn auch nicht gratulieren. Zudem diskutierten die Schüler weniger über regionale, sondern vor allem über nationale und internationale Themen: Klimaschutz, Umweltschutz, E-Mobilität oder das Rezo-Video zur CDU.

Damit das hier nicht in Häme abgleitet, sei eines ausdrücklich betont: Die Polizei hat einen großartigen Job gemacht beim Besuch der Kanzlerin. Und wir können dankbar sein, dass es unsere Ordnungshüter gibt. Aber in einer Demokratie werden eben nicht staatliche Instanzen für journalistische Nachrichten bezahlt. Zudem untergraben solche Falschmeldungen just die Glaubwürdigkeit der staatlichen Exekutive. Und wenn derlei fachfremdes Engagement staatlicher Institutionen weiter Schule machen sollte, dann können wir uns künftig bei der Polizei oder in den Rathäusern vielleicht auch noch die Schuhe besohlen lassen.

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