Freitag, 17.05.2019

Die E-Version des Harzer Rollers

Spielen Sie auch noch mal gerne Monopoly? Ich jedenfalls liebe solche abendfüllenden Gesellschaftsspiele immer noch – und dieses ewige Ringen vor allem um Parkstraße und Schlossallee. Wer hier ein Haus oder gar ein Hotel besitzt, der kann sich beim Treiben auf dem Spielbrett ganz gelassen zurücklehnen und zusehen, wie die Kasse klingelt. Den aufrüttelnden Unterschied zur Realität förderte dieser Tage allerdings unser GZ-Spezialthema „Buckelpisten“ ans Tageslicht: Wer bei uns in Hahnenklee über die Parkstraße fährt, der möchte gar nicht daran denken, wie tief die Schlaglöcher erst in einer Schlossallee sein könnten. Die Holperpisten führen uns vor Augen, wie sehr wir inzwischen überall in Deutschland einen Großteil der Infrastruktur – und damit des wichtigsten öffentlichen Vermögens – aufgezehrt haben. Der Investitionsstau ist gigantisch. Wer bei Seesen auf die A7 in Richtung Göttingen fährt, zittert sich durch eine gefühlt unendliche Dauerbaustelle: Hoffentlich bleibt jetzt niemand mit Motorschaden liegen, sonst droht Rückstau bis Hannover. Brücken auf Autobahnen und Bundesstraßen sind nur noch im Kriechtempo zu überwinden, Gleise und Züge der Bahn AG haben vielfach das Verfallsdatum weit überschritten. Selbst auf den digitalen Autobahnen der Zukunft geht es vor allem in ländlichen Gegenden meist nur holprig voran.

Vielleicht sind diese infrastrukturellen Unbilden die wahren Gründe, weshalb das globale Versandkaufhaus Amazon den Einsatz von Drohnen bei der Paketzustellung in Erwägung zog. Dann vergehen die Schmerzen auf den Straßen quasi im Fluge. Zudem macht uns dieser Tage auch die Regierung in Berlin viel Hoffnung, die mobilen Hürden fast spielerisch zu überwinden: Der Bundesrat will endlich auch in deutschen Gefilden grünes Licht geben für die E-Scooter. Sie wissen noch nicht, wovon ich rede? Ein Blick in den Entwurf des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur schafft da Klarheit:

„Elektrokleinstfahrzeuge im Sinne dieser Verordnung sind Kraftfahrzeuge mit elektrischem Antrieb und einer bauartbedingten Höchstgeschwindigkeit von nicht weniger als 6 km/h und nicht mehr als 20 km/h, die folgende Merkmale aufweisen: 1. Fahrzeug ohne Sitz oder selbstbalancierendes Fahrzeug mit oder ohne Sitz, 2. eine Lenk- oder Haltestange von mindestens 500 mm für Kraftfahrzeuge mit Sitz und von mindestens 700 mm für Kraftfahrzeuge ohne Sitz, 3. eine Nenndauerleistung von nicht mehr als 500 Watt oder von nicht mehr als 1400 Watt, wenn mindestens 60 % der Leistung zur Selbstbalancierung verwendet werden.“

Wir könnten den Blick in die Verordnung hier noch verlängern, doch ich befürchte, es würde jede Leserin und jeden Leser an den Rand des Wahnsinns treiben. Machen wir es also kurz: Es geht beispielsweise um die kleinen Tretroller mit Elektromotor, die in Paris schon zu Tausenden im Einsatz sind und ein ganz neues Terrain für Firmengründer und Berufe geschaffen haben. Ihre neue berufliche Erfüllung könnten Sie also bald auch bei uns im Harz als mobile Ladestation für Klapproller finden. Der E-Scooter könnte damit zur modernen Version des legendären Harzer Rollers avancieren, der vor über hundert Jahren einen ganzen Gewerbezweig beschäftigte. Und teurer als ein solcher Zuchtvogel ist vergleichsweise auch das moderne Elektrokleinstfahrzeug nicht. Schließlich blätterten Käufer für einen prächtigen Harzer Roller schon Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu 30 Mark auf den Tisch, wie uns Anzeigen in alten Zeitungsausgaben der GZ verraten. Dafür musste ein normaler Bergmann damals zwei Wochen lang unter Tage schuften.

Zugegeben, vor ein paar Tagen bin ich bei Olbrichs in Goslar mit einem Scooter mal durch die Vorführhalle gerollt. Die sind so wendig, dass man damit souverän selbst die Schlaglöcher auf der Parkstraße in Hahnenklee umkurven könnte. Bevor Sie aber jetzt auf dem Weg vom Parkplatz zur Arbeitsstelle mit dem E-Treter loslegen und dabei ein Liedchen zwitschern wie weiland ein Kanariengirlitz, sollten Sie eines bedenken: Der liebe Gott hat uns eigentlich Beine gegeben, um die letzte Meile laufend mit Muskelkraft zu überwinden. Das bringt Bewegung, ist völlig umweltneutral – und auch noch gesund.

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