Montag, 08.10.2018

Die Angst bleibt auf der Strecke

Leserbrief

Harz. Ob vor Höhen, Tieren oder gar vor einem Funkloch: Ängste schleppt jeder mit sich herum. Wenn die Angst sehr ausgeprägt ist, empfiehlt es sich, Hilfe bei einem Experten zu suchen (siehe Interview unten). 

Für den Rest gilt: Am Dienstag, dem „Stell-dich-deinen-Ängsten“-Tag, wird es Zeit, sich mit der eigenen Furcht auseinanderzusetzen. Die Junge Szene stellt einige Ängste vor – und gibt Tipps, wo man ihnen im Harz entgegentreten kann.

Hoch hinaus: Aviophobie

Fingernägel in den Arm des Sitznachbarn krallen: Aviophobie, also Flugangst, ist kein unbekanntes Phänomen. Zwar liegt der nächste größere Flughafen bei Hannover rund 100 Kilometer entfernt. Aber auch im Harz gibt es viele Möglichkeiten, durch die Luft zu fliegen – darunter Segelflugzeuge, Gleitschirme und Ballonfahrten.

Miau: Ailurophobie

Jeder vierte Deutsche besitzt laut einer Umfrage des Online-Portals Statista eine oder mehrere Katzen. Ailurophobie, also die Angst vor Katzen, ist diesen Menschen wohl unbekannt. Wer sich nicht mehr vor Stubentigern gruseln will, kann sich seiner Angst in einem der Tierheime als ehrenamtlicher Katzenstreichler stellen.

Tief hinunter: Akrophobie

Manchem steht nicht nur wegen der anstrengenden Bergwanderung der Schweiß auf der Stirn – sondern auch, weil er oder sie unter Akrophobie leidet, also Höhenangst. Gerade im Harz ist es schwer, den Höhen aus dem Weg zu gehen. Besonders imposant ist die 403 Meter hohe Roßtrappe bei Thale.

Pfui, Spinne: Arachnophobie

Spinnen sind laut dem Naturschutzbund Niedersachsen nützlich. Sie fressen Insekten wie Mücken und Motten. Arachnophobiker wollen mit den Achtbeinern lieber nichts zu tun haben. Sie fürchten sich vor Spinnen. Bei einem Besuch in der Schlangenfarm Schladen können sie nicht nur den Kriechtieren, sondern auch Spinnen entgegentreten.

Geh‘ weg: Enochlophobie

Menschenmassen sind für von Enochlophobie Betroffene ein Graus, denn sie können bei ihnen Panik auslösen. Auf dem Goslarer Weihnachtsmarkt kann man sich dieser Angst stellen – am besten an einem Samstag. In diesem Jahr beginnt der Markt am 28. November.

Über Brücken: Gephyrophobie

Eine altbekannte Fabel: Zwei Ziegen trafen sich auf einer Brücke. Keine trat zurück. So kämpften die sturen Tiere und landeten schließlich beide im Fluss. Hätte eine der beiden unter Gephyrophobie gelitten, wären sie wahrscheinlich gar nicht erst in diese Situation gekommen. Denn Gephyrophobiker haben Angst, Brücken zu betreten. Wer daran arbeiten will, findet über der Okertalsperre imposante Brücken. Fortgeschrittene wandern die 458,5 Meter lange Seilhängebrücke an der Rappbodetalsperre entlang.

Zu eng: Klaustrophobie

Klaustrophobikern fürchten sich in engen und geschlossenen Räumen. Dieser Angst stellt man sich im Harz zum Beispiel in einer der Tropfsteinhöhlen.

Kein Empfang: Nomophobie

„Hallo?! Hörst du mich?“ Wer unter Nomophobie leidet, hat Angst, nicht auf seinem Smartphone erreichbar zu sein. Wer eine Wanderung im Oberharz von Funkloch zu Funkloch übersteht, weiß: Ich bin nicht betroffen.

Zugzwang: Siderodromophobie

Bahnfahren kann nervig sein. Siderodromophobiker aber fürchten sich vor Zügen. Am Anfang reicht ihnen wohl eine Fahrt mit den beschaulichen Harzer Schmalspurbahnen – vielleicht sogar auf den Brocken.

IM GESPRÄCH

Annerose Dietz ist Diplom-Psychologin. Aktuell berät und coacht sie an der TU Langzeitstudierende.

Wieso haben Menschen Angst?

Angst ist eine besondere Emotion. Sie gehört zu unseren primären Emotionen wie Wut, Trauer, Freude oder Ekel, die im limbischen System des Gehirns beheimatet sind. Das ist ein Areal des Gehirns, das eher für die unbewussten, automatisierten und schnellen Aktionen zuständig ist. Die hormonellen und vegetativen Reaktionen auf das Gefühl der Angst und die automatisch ablaufenden Verhaltensprogramme in Folge dienen dazu, das Überleben zu sichern. Angst hat uns evolutionär geschützt und hält uns noch immer am Leben.

Wann ist Angst schädlich?

Angst ist erst einmal ein Schutzfaktor und nicht schädlich. Aber Ängste sind dann ein Problem, wenn Menschen durch sie ihrem ganz normalen Alltag nicht mehr nachgehen können. Man spricht dann von pathologischer Angst, einem Missverhältnis zwischen der Bedrohung und der dabei empfundenen Angst. Ein Beispiel ist die Höhenangst. Veranlagung, Lernerfahrung und Lebensumstände, besonders hoher Stress, müssen zusammenkommen, um eine Angststörung auszulösen. Ein chronisches Leiden entsteht dann durch „aufrechterhaltende Faktoren“, wie beispielsweise das Vermeidungsverhalten.

Was hilft gegen Angst?

Wissen um das Entstehen von Ängsten ist präventiv enorm hilfreich, damit die Betroffenen nicht denken, sie seien verrückt, sondern wissen: Es handelt sich um eine Reaktion des Gehirns, die sich schnell verselbstständigen und chronifizieren kann. Diese Reaktion kann man sehr gut durch Verhaltens-Trainings abbauen, indem man sich stufenweise genau dem aussetzt, wovor man Angst hat. Das nennt man systematische Desensibilisierung und Expositionstraining. So lernt das limbische System rückwirkend, dass man die Situation überlebt und die Gefahr wohl doch nicht so groß ist.

Ab wann ist Hilfe von außen sinnvoll?

Wenn der Alltag durch Ängste stark eingeschränkt ist, man zum Beispiel kein Auto mehr fährt, keinen Gedanken fassen kann in der Prüfung oder in der Schule nicht spricht, dann befindet man sich im Bereich der Angststörung.

An wen wendet man sich?

An einen psychologischen Psychotherapeuten, Psychiater oder eine psychologische Beratungsstelle. Doch auch der Hausarzt kann eine Einschätzung geben, ob das, was man erlebt, noch normal ist oder man etwas tun kann und sollte. Anschließend erlernt man bei einem Psychotherapeuten einer ambulanten Therapie, wie die pathologische Angst abzubauen ist, bis wieder ein normales Funktionsniveau erreicht wird. Ist der Alltag durch die Angst sehr stark eingeschränkt, oder die Störung bereits chronisch, empfiehlt sich eine stationäre oder tagesklinische Behandlung in einer psychiatrischen Klinik.








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