Freitag, 03.07.2020

Der gute Sigmar und der böse Gabriel

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Ja, so mancher mochte in dieser Woche den Kotelett-Kaiser Clemens Tönnies aus dem Kreis Gütersloh und seinen prominenten Berater Sigmar Gabriel aus Goslar gedanklich am liebsten zu Hackfleisch verarbeiten. 

Die Corona-Epidemie brachte mal wieder ans Tageslicht, dass in der Fleischindustrie Fremdarbeiter aus Südosteuropa zu schlechten Löhnen schuften und für die miserablen Unterkünfte auch noch abkassiert werden. Ausgerechnet in dieser Phase lässt sich der ehemalige SPD-Vorsitzende und Ex-Außenminister Gabriel aus Sicht von Normalverdienern zu fürstlichem Lohn als Berater engagieren. Schlimmer geht’s nimmer. Oder, wie Gabriels Parteigenosse, Bundesarbeits- und Sozialminister Hubertus Heil es in der Bild-Zeitung ausdrückt: „Ich sage es mal mit den Worten meiner Mutter: Es gibt Situationen, da kommt mir das Gefühl, so was macht man nicht.“ Heils Mutter, die Gabriel immer gerne gemocht habe, lebe leider nicht mehr, sonst würde sie Gabriel sicher gefragt haben: „Warum machst du das?“ Nun, da bleibt die Frage offen, warum es Heil nicht vielleicht selber versucht hat, Ga-briel diese Frage zu stellen.

Ich habe das dann mal getan: „Herr Gabriel, warum ausgerechnet Tönnies?“ Die Antwort sei einfach, schrieb er umgehend zurück: „Weil er ein Exportproblem mit China hatte und mich um Hilfe gebeten hat.“ Als er sich als damaliger Wirtschaftsminister 2015/2016 mit den Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie befasst habe, sei Tönnies noch der Zugänglichste und Progressivste gewesen: „Mehr ging damals nicht, weil sich niemand von den heutigen lautstarken Kritikern für die Arbeitsbedingungen der Rumänen und Bulgaren interessiert hat.“ Und das zuständige Sozialministerium habe damals das Thema gar nicht erst angehen wollen.

In der Tat haben die Corona-Ausbrüche in den knallharten deutschen Fleischimperien nur wieder ins Rampenlicht gerückt, was Kon-trollbehörden und Politiker aller Couleur seit vielen Jahren wissen: Die Arbeits- und Unterkunftsbedingungen grenzen nach herkömmlichem Verständnis in Deutschland an Sklaverei. Trotzdem lassen sich Abertausende Fremdarbeiter – nicht nur in der Fleischindustrie – auf solch knebelnde Werkverträge ein, weil die Arbeits- und Lebensverhältnisse in ihrer Heimat noch miserabler sind. Deshalb regnet es politisch derzeit reichlich Krokodilstränen: Ob aus der FDP, die lange Jahre in der Bundesregierung Mitverantwortung trug, derzeit just in Nordrhein-Westfalen in der Landesregierung sitzt – deren Generalsekretärin auf Bundesebene, Linda Teuteberg, aber erstaunlicherweise über Tönnies schimpft und „ganz generell regelmäßige Kontrollen“ einfordert. Nun, da hätte sie ihre Parteifreunde in NRW schon früher anspornen können. Oder bei den Grünen, die ehedem gleichfalls in der Bundesregierung Mitverantwortung trugen und deren zuständige Ministerin im schwarz-grünen Hessen nach dem bundesweiten Skandal um Wurst-Wilke politisch ebenfalls mit äußerst kurzem Hemdchen dastand. Und was hätte die Sozialdemokraten um Hubertus Heil daran gehindert, weit früher bei Fleischfabriken und Werkverträgen auf Bundesebene aktiv zu werden? Vielleicht, weil es neben Fremdarbeit und Massenunterkunft um viele weitere Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, Fleischlieferanten aus der Landwirtschaft und günstige Schnitzel für Verbraucher geht.

Kommen wir zurück zu Sigmar Gabriel: Vor einigen Wochen hat die Redaktion den Ex-Außenminister angeschrieben, um hinter den Kulissen einer Familie aus Bad Harzburg zu helfen. Ein Teil der Familie saß quasi im Urwald Venezuelas fest und sollte wegen der Corona-Schranken nicht zurück nach Deutschland fliegen dürfen. Selbst die deutsche Botschaft in Caracas stellte sich trotz Hilferufen der Touristen offenbar taub. Gabriel nahm noch am selben Wochenende Kontakt mit dem Botschafter auf, wenig später konnten die versprengten Touristen zurück in die Heimat. Im Hintergrund hat Gabriel in den vergangenen Wochen gleichfalls seine Kontakte spielen lassen, um nachdrücklich mitzuhelfen, dass Karstadt doch noch in Goslar bleibt. Für die Beschäftigten, den Handel, die Stadt ist das immens wichtig.

Es bleiben– wie so oft – die zwei Seiten des Sigmar Gabriel: Aus seinem Engagement bei Tönnies kann er sich nicht herauswinden. Er hat sich selbst massiv geschadet. Den erfolgreichen Einsatz hinter den Kulissen in seiner Heimat kann er zeitgleich auf der persönlichen Habenseite verbuchen. Gut oder böse – wie so oft auch eine Frage der Perspektive.

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