Freitag, 21.08.2020

Der Wahlkampf in Schwarz-Weiß

Kennen Sie „Milch und Schokolade“, dieses herzzerreißende französische Filmmärchen vom Ende der 1980er Jahre? Ein ambitionierter Joghurt-Produzent gerät in einen Strudel von hinterhältigen Verstrickungen in seinem Unternehmen und gleichermaßen der eigenen Familie. Der stets erfolgreiche Unternehmer ist plötzlich am Ende, fliegt aus der eigenen Firma raus, landet quasi auf der Straße – und findet just bei seiner schwarzen Putzfrau einen Unterschlupf. Die schafft es nicht nur, fünf Kinder von fünf Vätern zu bändigen, sondern hat mit wachen Augen und wachem Verstand auch das Intrigenspiel gegen ihren Chef durchschaut. Das ebnet ihm die Bahn zurück auf seinen Chefsessel, und als geläuterter Mensch erkennt er die wahre Größe seiner Putzfrau, in die er sich verliebt – und sie schließlich sogar heiratet. Und fortan leben sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage, möchten wir im Sinne der Brüder Grimm noch hinzufügen.

Eine solch märchenhafte Überwindung sozialer Klüfte bleibt in der Realität indes meist ein Wunschtraum. Dies lässt sich auch in Deutschland dieser Tage deutlich spüren, und in den USA tritt es in krasser Form hervor: Mitten in der Corona-Krise ist der Konflikt zwischen Schwarz und Weiß neu entflammt. So flimmert auch der Wahlkampf in den USA derzeit sozusagen in Schwarz-Weiß über die Mattscheibe: Der demokratische Herausforderer Joe Biden (77) hat im scharfen Wettstreit zweier Rentner gegen den republikanischen Amtsinhaber Donald Trump (74) die doppelte Trumpfkarte in Person von Kamala Harris gezogen: Eine Frau afroamerikanischer Herkunft soll Vizepräsidentin werden, wenn Joe Biden im November die Wahl gewinnt. Reflexhaft zweifelt Trump in aller Öffentlichkeit, ob die Demokratin und intelligente Juristin überhaupt eine richtige US-Amerikanerin sei. Nun, daran besteht per US-amerikanischem Geburtsrecht wohl kein Zweifel. Diesseits des Großen Teichs wurden bei vielen indes ganz andere Zweifel geweckt: Wieso wird Kamala Harris überhaupt als „afroamerikanisch“ bezeichnet? Der Vater stammt aus Jamaika, die Mutter ist eine eingewanderte Inderin – und so wirkt Kamala Harris auf den ersten Blick nicht gerade, als wenn ihre Wurzeln nach Schwarzafrika reichten.

Im Antlitz von Kamala Harris kann ein durchschnittlicher Mitteleuropäer deshalb über die Vereinigten Staaten und ihr soziales Gefüge noch viel lernen: In den USA wird nämlich die Bezeichnung „black“ oder „afro-american“ nicht ausschließlich über die Hautfarbe definiert, lässt uns Dirk Hautkapp wissen. Der US-Korrespondent der Funke-Mediengruppe ist zugleich Autor zahlreicher Beiträge zum US-Wahlkampf in der Goslarschen Zeitung. Nach der Geburt im kalifornischen Oakland während der 68er-Studentenproteste sei Kamala Harris in einer „black community“ aufgewachsen. Sie selbst beschreibe deshalb ihre kulturelle, soziale und ökonomische Identität in Reden und Büchern als „eindeutig black“ und sehe sich somit der „afro-american community“ zugehörig. Wobei sie in jungen Jahren auch die Ausläufer von Rassentrennung erlebt habe. Somit sei die Bezeichnung „Afro-Amerikanerin“ in den USA für Kamala Harris gängig, legitim und zutreffend.

Wahlkampfstrategisch soll die US-Vizepräsidentin in spe sowohl Afroamerikaner als auch Frauen im Allgemeinen zu den Demokraten ziehen. Ob Joe Biden damit der Sieg gegen Trump gelingt, bleibt derweil abzuwarten. Bis zur Wahl im November fließt noch einiges Wasser den Mississippi hinunter. Und nach Einschätzung von Donalds Nichte Mary Lea Trump, Psychologin und Autorin eines aktuellen Enthüllungsbestsellers über ihren Onkel, ist dem amtierenden Präsidenten und Enkel pfälzischer Einwanderer aus Kallstadt wirklich alles zuzutrauen.

Vielleicht entsinnt sich ein Wahlkampfberater im Weißen Haus sogar an die schwarze Wiege der Menschheit, die sich nach allen Erkenntnissen der Evolutionsforschung ja in Afrika befunden hat. Aus dieser wissenschaftlichen Perspektive könnte sogar Trump plötzlich noch auf eine Herkunft als Afroamerikaner pochen.

Wie stehen Šie zu dem Thema?Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de