Freitag, 30.11.2018

Der Krampf auf der Ehrentribüne

Zugegeben: Ausgerechnet aus der Kaiserstadt der Heinriche vorm 1. Advent über den Fußballkaiser Franz aus Bayern zu schwadronieren, das ist eine Partie auf dünnem Eis. Aber ich möchte mich mal aufs glatte Terrain hi-nauswagen, nachdem sich dieser Tage Franz Beckenbauer nach einer gefühlten Ewigkeit wieder in der Öffentlichkeit zu Wort gemeldet hat. Kaiser Franz bietet sich selbst als Schlichter an, um zwischen dem auferstandenen Münchener Fußball-Boss Uli Hoeneß und seinem langjährigen Busenfreund Paul Breitner zu vermitteln. Wir erinnern uns: Als Trio standen sie auf dem grünen Rasen anno 1974, als die deutsche Nationalelf gegen die favorisierten Holländer mit 2:1 im Endspiel Weltmeister wurde. Franz als Libero mit dem feinen Außenristpass, Hoeneß als schneller Rechtsaußen, Breitner als Verteidiger ohne Schienbeinschoner, der den Elfmeter zum 1:1-Ausgleich verwandelte. Der kleine dicke bayerische Torjäger Gerd Müller besorgte dann mit legendärer Drehung im Strafraum den Rest. Freunde fürs Leben – möchte man meinen. Doch jetzt darf der kritische Breitner nicht mal mehr auf die Ehrentribüne im Stadion, weil dem dünnhäutigen Herrscher Hoeneß der Hals zu platzen droht.

Als die aktuellen deutschen Kicker zuletzt nach einer 2:0-Führung gegen die Holländer quasi auf der Ziellinie sich noch zwei Buden zum Ausgleich einfingen, kamen mir plötzlich die alten Bilder von 1974 in den Sinn. Und Beckenbauer? Seit Herbst 2016 war von der früheren Lichtgestalt des deutschen Fußballs nichts mehr zu hören. Auf dem Höhepunkt des DFB-Fifa-Beckenbauer-Skandals hatte sich der Kaiser plötzlich schweigend in sein österreichisches Wahl-Domizil zurückgezogen. Zwei Herzoperationen hat er seither hinter sich, und selbst Alt-Kanzler Gerhard Schröder vermutet, dass die Probleme mit der Pumpe doch auch mit den 6,7 Millionen Euro zu tun haben, die als vermutete Gegenleistung für die Vergabe der Fußball-WM 2006 herumwabern. Bewiesen und geklärt ist das alles nicht, zumal der Kaiser in dieser Causa weiter schweigt.

So ganz stiekum habe ich mich allerdings in dieser Skandaldebatte immer gewundert, dass der Zuschlag für das fröhliche deutsche „Sommermärchen“ damals nur6,7 Millionen Euro gekostet haben soll. Schließlich würde eine solche Summe im korrupten Weltfußballgeflecht vermutlich nicht mal ausgereicht haben, um die jährlichen Spesenrechnungen der Fifa-Chefs Sepp Blatter oder Gianni Infantino zu begleichen. Von den permanenten Steuersünden heutiger Lichtgestalten auf dem grünen Rasen wie Ronaldo oder Messi ganz zu schweigen. Oder von der Deutschen Bank, die dieser Tage einmal mehr in Verdacht steht, dass sie im Netzwerk von Geldwäsche, Schrottimmobilien-Paketen und Steuerparadiesen wohl zu den Spielführern gehört, während ihr verdächtiger und alle Tricks am grünen Tisch beherrschender Ex-Teamchef Josef Ackermann mit Gedächtnislücken von der Schweiz aus lächelt.

Was ich sagen will: So mancher von uns wird heutzutage – verstärkt durch digitale Netzwerke – für menschliche Fehler mit wachsender Häme und Aggressivität in der Öffentlichkeit an den Pranger gestellt, während es sich just die Kritiker im Wohnzimmer zu Hause gemütlich machen. Und die eigenen Fehler dabei allzu gerne unter den Teppich kehren. Kann es deshalb sein, dass wir dem Fußballkaiser Franz im globalen Gesamtzusammenhang vielleicht ein wenig Unrecht getan haben? Fallen wir vielleicht doch heutzutage viel zu leicht über Menschen her, die – bei all ihren Fehlern – unterm Strich aber große Leistungen und Verdienste zu verbuchen haben? Und zwar ausdrücklich nicht finanziell gemeint. Ich jedenfalls könnte mich durchaus hinreißen lassen, dem begnadeten Fußballer, Weltmeister und Weltmeister-Trainer Beckenbauer noch einen Platz auf meiner persönlichen Ehrentribüne zu reservieren. Bei der Fifa, der Bank mit dem gläsernen Doppelturm und vielleicht auch dem selbstverliebten Herrscher Hoeneß hätte ich da jedenfalls mehr Zweifel.

Wie stehen Sie zu dem Thema?Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de