Freitag, 23.08.2019

Der Harz als Insel für die Dänen

Realsatire schien es für viele, die noch ihre fünf Sinne beieinander haben: US-Präsident Donald Trump will Grönland kaufen. Und für Zweifler, die schier fassungslos die Nachrichten darüber in Zeitungen, Fernsehen und online verfolgten, begründete es der umstrittene Chef im Weißen Haus wie immer denkbar simpel: Letztlich gehe es doch um einen Immobilien-Deal, und davon verstehe er eine ganze Menge.

Ob der Bauherr des 202 Meter hohen Trump-Towers in New York mit seinen Immobilien-Deals tatsächlich superreich geworden ist oder letztlich nur eine milliardenschwere Schuldenlast in seinen privaten Büchern drückt, darüber wird seit Jahren trefflich spekuliert. Bei Immobiliendealern vom Schlage Trumps gilt in Verhandlungen mit Banken ja eher die Devise: Für 10.000 Dollar brauchen sie eine Bürgschaft – eine Milliarde kriegen sie auch ohne. Und zur Beruhigung der erhitzen Gemüter bei den Ureinwohnern auf Grönland und der dänischen Regierung legte der US-Präsident am vergangenen Montag mit einem schönen Foto nach: Ein goldener Trump-Tower an der spärlichen Küste Grönlands – nein, darauf wolle er explizit verzichten.

Es ist wirklich erstaunlich, wie es dem regierungsamtlichen Twitter-König Trump gelingt, sich mit Null-Nachrichten ganz schnell wieder Platz eins im weltweiten Medienspektakel zu erobern. Und am Ende löst die absurde Grönland-Nummer noch eine veritable diplomatische Krise zwischen Dänemark und den USA aus. Denn mit „absurd“ tituliert zu werden, das gefalle ihm gar nicht, das sei „böse“ – und deshalb will der sonst als ex-trem streitbar und beleidigend bekannte Mächtige aus Washington auch vorerst nicht mehr mit diesem skandinavischen Kleinstaat reden.

Andererseits ist Trumps gedankliches Sommertheater vielleicht gar nicht so absurd. Neu aufgewärmt wurde in der Grönlanddebatte, dass die USA den Dänen 1946 schon mal ein Angebot für den insularen Eisschrank unterbreiteten. Damals ging es im langsam aufkeimenden Kalten Krieg vor allem um geostrategische Überlegungen. Heute dagegen sind es eher klimastrategische Gedanken: Trump leugnet zwar weiterhin vehement einen Klimawandel – mindestens einen von Menschen beeinflussten –, aber zumindest insgeheim wird er wohl nicht so verblendet sein, die Folgen des Klimawandels nicht zu erkennen. Somit kalkuliert er mit gewaltigen Bodenschätzen unterm grönländischen Eispanzer, die mit dem Abschmelzen dann besser zu gewinnen wären. Kein Immobilien-Deal also, sondern eher ein Milliardengeschäft an der Rohstoffbörse. Somit müsste der Dealer im Weißen Haus vermutlich geradezu eine Verpflichtung fühlen, den Klimawandel mit aller Macht noch zu beschleunigen.

Taut das bis zu drei Kilometer dicke Eis über Grönland tatsächlich ab, dann wird sich die von der frostigen Last befreite Insel voraussichtlich um rund 800 Meter emporheben, kalkulieren Wissenschaftler – und im gleichen Zug steigt der Meeresspiegel weltweit um über sieben Meter. Und genau hier liegen vielleicht auch bange Phantasien der Dänen: Von Kopenhagen werden dereinst dann wohl nur noch vereinzelte Kirchtürme aus dem Wasser ragen – und die Nachfolger der Wikinger brauchen Grönland wie weiland Erik der Rote, um sich neu anzusiedeln.

Bis dahin allerdings heißen wir die Dänen auch hier bei uns im Harz weiterhin herzlich willkommen, um uns auf der bergigen Rettungsinsel im norddeutschen Flachland zu besuchen. Vielleicht wird an manchem Häuschen unserer alten Bergbausiedlungen alsbald dauerhaft auch die dänische Flagge gehisst, und sie können sich in Stollen und Schächten vom Rammelsberg bis nach Wildemann eine Menge Inspiration holen, wie dänische Bergleute in Zukunft die Bodenschätze Grönlands zutage fördern.

Doch damit auch genug von klimatischen Gedankenspielen – nicht jedoch von der reichen Bergbautradition im Harz. Die GZ-Redaktion hat sich in den vergangenen Wochen intensiv auf Spurensuche begeben. „Wir Welterben“ heißt unser Thema der kommenden Woche, das Sie als Leser dann sogar über zwei Wochen begleiten wird. Mit tiefer Recherche und der Videokamera waren wir in Stollen, Schächten, in Museen und in der Kaiserpfalz, um über die Geschichte und die Zukunft unseres Welterbes in einer großen Serie zu berichten.Wie stehen Sie zu dem Thema?Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de