Freitag, 24.05.2019

Der Geistlose, der stets verneint

Wenn wir auf die Wahlbeteiligung und die Mitgliederzahlen der ehedem großen Parteien in den vergangenen Jahren schauen, dann fehlt es ganz offensichtlich auch an Überzeugungskraft. „Persuasion“ heißt das auf der wissenschaftlichen Ebene der Kommunikationsforschung. Keine Angst, ich möchte mich jetzt hier nicht in den akademischen Untiefen der politischen Soziologie verlieren. 

Aber spannend ist das schon, Parteien, Politiker und Wähler mal völlig unabhängig von konkreten einzelnen Inhalten zu betrachten – sondern mehr strategisch. Vereinfacht geht es vor allem um zwei Gruppen von Empfängern: Die einen, die das politische Geschehen stetig mit Interesse verfolgen, sich aktiv informieren und deshalb über fundiertes Wissen bei einer Fülle aktueller Themen verfügen. Die anderen, die zwar unzufrieden sind, aber wenig Interesse haben, sich wenig informieren und deshalb auch wenig wissen.

Die Aktiven und gut Informierten haben sich eine Meinung selbst erarbeitet, und deshalb sind sie von einer anderen Meinung auch nur durch längeren Dialog, sachliche Argumente und Beweiskraft zu überzeugen. Die anderen sind umso empfänglicher für Populismus, lassen sich leicht durch Emotion überreden – und durch pure Ablehnung. Empirische Untersuchungen zeigen, dass dies oft prächtig funktioniert. Die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich und andere rechtspopulistische Parteien in Europa betreiben dieses mediale Spiel deshalb fast lehrbuchmäßig: Ihre Strategie besteht darin, alles abzulehnen, stets den politischen Gegner zu kritisieren, ohne Beweise anzutreten oder durchdachte eigene Lösungen aufzuzeigen. Ein Paradebeispiel dafür liefert der AfD-Mann Guido Reil. Der Kumpel und Ex-Sozi aus dem Ruhrpott rangiert auf Platz zwei der AfD-Liste für die Europawahl – und ist der Geistlose, der stets verneint.

Alles Blödsinn mit dem Klimawandel, es gebe keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis, behauptet er, ohne nur den Hauch einer Ahnung zu haben. Hätte er sich wenigstens mal die Bilder vom Hochwasser 2017 im Harz angeschaut, vielleicht wäre ihm ein Licht in seiner Grube aufgegangen. Und Reils Wahlprogramm besteht nach eigenen Worten vor allem darin, als EU-Abgeordneter mal aufzuzeigen, wie viel Geld für angeblich wenig Arbeit so ein Parlamentarier in Straßburg und Brüssel kassiert. Warum Reil mit seinem unsinnigen Gefasel auch noch von einer Talkshow zur nächsten im Fernsehen durchgereicht wird, das mag hoffentlich nicht an den Einschaltquoten liegen. Schließlich machen Rechtspopulisten von Deutschland über Polen und Ungarn bis Italien keinen Hehl daraus, dass sie Meinungsfreiheit und kritische Medien mit Füßen treten. Die FPÖ in Österreich würde wohl nach ein paar Wodka gegen Schwarzgeld nicht nur gute Sitten und demokratische Werte, sondern das halbe Land an russische Oligarchen verhökern.

Daher empfehle ich, windigen Kandidaten wie Reil nicht auch noch zur politischen Alimentierung zu verhelfen. Oder – mal ganz populistisch ausgedrückt: Wollen Sie etwa wirklich wieder die Grenzen hochziehen in der Europäischen Union? Wieder zweimal Geld wechseln auf der Urlaubsreise nach Meran? Und allen Ernstes mit dafür sorgen, einen Abgeordneten ins Europaparlament zu schicken, dem der Kohlenstaub an der Ruhr ganz offensichtlich die Sinne vernebelt hat?

Wie stehen Sie zu dem Thema? Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de