Freitag, 03.05.2019

Der Besuch der Bundeskanzlerin

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Über Jahrhunderte haben sich Menschen in Europa dieses Grundrecht hart erkämpft – und viele davon haben es mit dem Leben bezahlt. Nicht nur in Zeiten der Nazi-Diktatur. Mit wachsender zeitlicher Entfernung scheint jedoch auch die Erinnerung daran zu verblassen – und die reale Vorstellung davon, was Meinungsfreiheit gleichermaßen bedeutet: Sie endet genau dort, wo Meinung die persönliche Freiheit anderer einschränken will, wo Meinung beleidigend wird – und erst recht, wenn sie zur Straftat wird oder zu Straftaten auffordern will.

Wie krude manche Vorstellung von Meinungsfreiheit ist, zeigt dieser Tage eine Auseinandersetzung, die sich innerhalb der AfD in unserer Harz-Region abgespielt haben soll: Da wollte ein Parteigänger offenbar auf einer Internetseite das verfremdete Bild eines deutschen Ministers in Nazi-Uniform hochladen. Weil ihm das nicht gestattet wurde, sieht er sich nun scheinbar in seiner Meinungsfreiheit eingeschränkt.

Die weltweit größten Stammtische – ich meine Facebook und Twitter – offenbaren uns in der digitalen Welt immer stärker, dass just diejenigen, die so vehement das Recht auf Meinungsfreiheit einfordern, auf der anderen Seite jede andere Meinung mit gewaltigen „Shitstorms“ niederbrüllen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Was nicht ins Schema passt, ist eine Fake-News. In diese Blasen der digitalen, allwissenden und allmächtigen Selbstbeweihräucherung dringt nur noch ein, wer gebetsmühlenartig die festgefrorene Weltanschauung unterstützt.

Beispiele gefällig: Shitstorm gegen Spenden für die Pariser Kirche Notre-Dame, schließlich gibt es Millionen hungernde Kinder auf der Welt, die das Geld dringender brauchen. Shitstorm gegen den Besuch von Kanzlerin Merkel in Afrika, schließlich gibt es arme Menschen in Deutschland, die das Geld viel dringender brauchen. Shitstorm gegen die Vernichtung von Dörfern für Braunkohle im Rheinland. Shit-storm gegen Windkraftanlagen, schließlich brauchen die Braunkohlekumpel ihre Jobs. Shitstorm gegen Biosprit, schließlich zerstören Monokulturen Böden und Tierwelt. All diese Blickwinkel lassen sich für manche Facebook-Nutzer spielend leicht vereinbaren – meist noch als Klimawandelleugner, Impfgegner und politische Verschwörungsopfer gleichermaßen. Motto: Wir hassen alles – am Ende auch uns selbst.

Wie „Social Media“ auf diese Weise zum asozialen Medium verkommt, führt uns diese Woche eine Botschaft aus dem Kanzleramt vor Augen: Angela Merkel besucht am 19. Juni Goslar und will mit der jungen Generation ins Gespräch gehen. Selten hat eine kurze GZ-Nachricht auf Facebook eine derart hohe Reichweite erzielt. Man kann die Kanzlerin mögen oder nicht, man kann sie loben oder kritisieren – das ist Meinungsfreiheit. Etliche Kommentare waren indes derart aggressiv und sträflich, dass wir diesen digitalen Hasspredigern gar nicht wünschen möchten, dass ihnen selbst einmal ein solcher Shit-storm entgegenbläst.

Doch zurück in die analoge Wirklichkeit: Der Besuch von Angela Merkel in Goslar ist ein Top-Ereignis für die Region – ob nun politischer Befürworter oder Kritiker. Erst recht für die Goslarer Schülerinnen und Schüler, die mit der Kanzlerin in der Kaiserpfalz in die Diskussion gehen. Munter soll sie sein, kritisch, mutig, nachbohrend, emotional, offen, meinungsfrei eben – und damit vor allem auch fair und respektvoll. Wie es jeder von uns verdient hat.

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