Donnerstag, 19.07.2018

Das trügerische Spiel der Weinlaune

Wie finde ich den Wein, der mir wirklich schmeckt? Simpel gesagt – durch Probieren.

Um ein Gefühl für Wein zu bekommen, muss man ihn mehr oder weniger regelmäßig trinken – in Maßen, versteht sich. Nur Theorie hilft da nicht viel, Wein erschließt sich nun mal über Gaumen und Nase.

Welcher Wein nun „gut“ oder „schlecht“ ist, einen wohlig den Mund spitzen oder die Gesichtszüge entgleisen lässt, hat nicht unbedingt nur etwas mit dem Geldbeutel zu tun. Denn nicht alles, was einen klangvollen Namen trägt und richtig teuer ist, muss auch jedem schmecken. Ein ehrlicher Schoppen vom Winzer, den der vielleicht sogar selbst gern trinkt, ist für Otto-Normalweintrinker oft die bessere Wahl.

Und wo finde ich den? Im Idealfall fährt man also im Urlaub in eine schöne Weingegend, marschiert zu einem netten Winzer und lässt sich zur Verkostung seines Weines bitten. Solch eine Weinprobe hat allerdings manchmal einen kleinen Haken. Man ist entspannt, hat ja schließlich Urlaub, sitzt mit netten Leuten in der Runde, vielleicht auf einer kühlen, schattigen Terrasse, ist in guter Stimmung. Und mit jedem Gläschen wird man beschwingter – und unkritischer. Zum Schluss schmeckt irgendwie jeder Tropfen, den der Winzer aus dem Keller holt.

Ich spreche da aus Erfahrung, bin vergangenes Jahr zu den Winzern entlang der Mosel geradelt, war in diesem Jahr im Rheingau unterwegs auf der Suche nach dem guten Geschmack.

Mein Tipp: Ich nehme mir von den Weinen meiner Wahl nur Einzelflaschen mit nach Hause. Mehr passt ja auch zum Glück nicht in die Packtasche des Fahrrads. Und wenn der eine oder andere Wein dann an einem trüben Harzer Regentag im November immer noch nach Sonne und Urlaub schmeckt, dann habe ich wohl die richtige Wahl getroffen und greife zum Bestellschein.

Wer sich die Reise sparen will oder noch wenig Erfahrung mit Wein hat und einen passenden Begleiter zu einem schönen Essen sucht, dem hilft der örtliche Weinhändler weiter. Der hat nämlich, wenn er oder sie gut ist, den „Geschmack“ seiner Weine, die er anbietet, im Kopf, fragt nach den Vorlieben des Kunden. Denn auch der lange gepflegte Dünkel, nur wer knochentrockene Weine trinkt, ist ein wahrer Kenner, der Rest sind Banausen, ist längst verflogen. In der Weinwelt ist man toleranter geworden. Wer es zum Beispiel beim Weißwein nicht ganz so trocken mag, greift auf „feinherb“ zurück. In Deutschland eine elegante, wenn auch ungenaue Umschreibung für meist halbtrockenen Rebensaft.

Ich schildere dem Händler meines Vertrauens, was ich kochen möchte, welche Zutaten und Aromen dominieren werden, und lass mir danach einige Weine vorstellen: Zu einer Suppe mit exotischen Gewürzen wird er vielleicht einen Weißwein aus Übersee empfehlen, der nach tropischen Früchten duftet, zu einem kräftigen dunklen Braten oder einem Wildgericht einen Roten mit deutlichen Tanninen, also einen Bordeaux oder einen schönen Spätburgunder, die in Kraft und Qualität in Deutschland mittlerweile deutlich zugelegt haben. Zum gedünsteten Spargel gibt es bei mir einen schmelzigen Silvaner oder einen nicht zu säurebetonten Riesling. Am Ende hilft aber wie gesagt nur verkosten. Denn nur, was einen selbst überzeugt, sollte man seinen Gästen anbieten, unabhängig vom Preis der Flasche oder dem Namen auf dem Etikett.