Freitag, 19.10.2018

Das kulturelle Erbe des Brutalismus

Modernste Technologie? Immer, wenn ich diesen Begriff höre oder lese, muss ich schmunzeln, denn die ungelenke Steigerung von „modern“ ist sprachlich genauso wenig salonfähig wie das Wort „Technologie“ als vermeintliches Synonym von Technik. 

„Technologie ist die Wissenschaft, welche die Verarbeitung der Naturalien, oder die Kenntnis der Handwerke, lehret“, definierte 1772 der aufgeklärte Staatswissenschaftler Johann Beckmann (1739 bis 1811). Und an Beckmanns Logik dürfen wir uns heute noch orientieren, schließlich wurde er 1766 an der Uni Göttingen zum außerordentlichen Professor für Weltweisheit berufen - übrigens ein wunderbares Synonym für Philosophie. In der damals modernen Architektur waren Beckmann und seine Zeitgenossen umgeben von Barock, Rokoko und Klassizismus, deren Erbe uns bis heute in den Stadtzentren einen Begriff von Kunst und Anmut vermittelt - wenn denn Gebäude aus jenen Epochen noch erhalten sind.

Solche Epochen spiegeln zugleich zeitgenössische europäische Geistesgeschichte wider, sie eröffnen uns manifestiert und dauerhaft die Gedankenwelt jener Tage. Da frage ich mich immer, welche Gedanken den Baumeistern durch den Kopf schossen, als sie den modernen „Brutalismus“ der 1960er- und 1970er-Jahre in die Welt setzten. Spannend anzuschauen ist dieses Thema derzeit bei der Ausstellung im Braunschweigischen Landesmuseum: Unter dem Titel „Brutal modern“ rücken die mit vermeintlich modernster Technologie hingesetzten Betonklötze ins Rampenlicht. Was würde wohl Johann Beckmann von derlei Baukunst gehalten haben – mal rein technologisch gesehen? Dabei waren die architektonischen Impulse des Brutalismus zunächst durchaus künstlerisch. Ein Ursprung des Begriffs liegt im Material „beton brut“, das etwa der berühmte schweizerisch-französische Architekt, Stadtplaner und Künstler le Corbusier in den 1950er-Jahren für seine Bauten formen ließ. Dabei entstand beispielsweise die Kirche Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp, ein weltbekanntes Bauwerk, das wie ein Pilz aus grauem, herbem Sichtbeton aus dem Boden zu wachsen scheint.

Die herben Großbauten, die dann in den 60er- und 70er-Jahren folgten und sich wie Pilze in den Städten vermehrten, sind für mich hingegen alles andere als Baukunst. Hochhäuser, Schulen, Behörden, Parkhäuser, Rathäuser, Firmenzentralen – der in die Fachliteratur eingegangene Brutalismus ist meist ein zu Stein getrockneter Einheitsbrei, der Menschlichkeit als Wert für Leben, Wohnen und Arbeiten vermissen lässt. Noch dazu machten dünne Wände und Fensterscheiben zwischen dem Skelett aus dicken Stahlbetonsäulen die Sommer wie die Winter schier unerträglich, verpulverten Energie und damit Rohstoff, wie es sich seit Menschengedenken keine Generation getraut hätte. Zudem haben unsere Vorfahren über Jahrhunderte das alte Baumaterial so gut es ging wieder neu verwertet. Der Beton-Brutalismus hingegen zeigte sich oft schon nach 30, 40 Jahren mürbe und bröselig. Kein Wunder, dass so manches triste Mahnmal des Brutalismus inzwischen längst wieder der Abrissbirne preisgegeben worden ist.

Trotzdem haben immer mehr Denkmalschutzbehörden in den vergangenen Jahren den Brutalismus als erhaltenswerte Zeugnisse entdeckt. Das beschränkt sich dabei keineswegs auf kunstvoll und planerisch durchdachte Ausnahme-Bauwerke dieser Epoche, sondern reicht tief in den Einheitsbrei der Betonquader. Motto: Denkmalschutz ist keine Frage von Schönheit. So stehen beispielsweise brachiale Rathäuser mit oder ohne Waschbetonfassaden von Ahrensburg bei Hamburg bis Iserlohn in Westfalen inzwischen unter Denkmalschutz – und selbst vor der zugehörigen Vorplatzmöblierung aus Blumenkübeln, Stahlstreben und Betonbänken machen vom Brutalismus infizierte Denkmalschützer nicht Halt. Bewahre, dass zwischen Goslar und Hildesheim nicht auch noch die Innenstadt von Salzgitter-Lebenstedt künftig zum Weltkulturerbe erklärt wird.

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