Freitag, 11.05.2018

Das Jubiläum des World Wide Web

Jubiläen sind zum Feiern da. Doch just eines, das im Nachhinein fast die ganze Welt auf den Kopf gestellt hat, ging in der Flut aus Daten und Nachrichten in den vergangenen Tagen fast unter: Am 30. April 1993, also vor 25 Jahren, feierte das Internet seine öffentliche Geburtsstunde weltweit. Der britische Physiker Tim Berners-Lee und Kollegen schalteten damals das World Wide Web über Datenleitungen und Netzadressen frei – für alle zugänglich. Übrigens nicht im kalifornischen Silicon Valley, nicht mal in den USA, sondern am internationalen Kernforschungszentrum CERN in der kleinen Schweiz mitten in Europa.

Doch wer verfügte damals schon im Privatleben über entsprechende Datenleitungen und Computer? Nur wenige. Und die hehren Visionen der Internetpioniere, die sich durch frei zugängliche und schnelle Informationen für alle eine Demokratisierung der Weltgesellschaft versprachen, betrachteten Skeptiker damals eher mit Schmunzeln oder Stirnrunzeln. Allemal dann, wenn sich am Monitor des heimischen Computers die Bilder aus dem World Wide Web so langsam aufbauten, dass wir getrost eine Mittagspause mit Schnitzel, Pommes und Salat hätten einlegen können.

Damals? Genauer betrachtet sind es in der Entwicklung der Menschheit nur Sekundenbruchteile und nicht mal ein Drittel eines Menschenlebens, die die Welt in extremer Weise verändert haben. Als Berners-Lee und sein Team das Internet freigaben, stand Otto Normalverbraucher im Urlaub auf Mallorca noch brav in der Schlange am Münzfernsprecher, wo er den Kasten mit Peseta fütterte. Für die Nachgeborenen: Das war die Währung, in die Urlauber die D-Mark tauschen mussten, um in Spanien bezahlen zu können.

Doch genug von diesem Ausflug in die digitale Antike: Durch den Austausch von Daten in Sekundenschnelle, den Zugang zu Wissen, finanziellen Transaktionen, weltweiter Kommunikation an (fast) jedem Punkt der Erde hat das Internet gigantische Vorteile beschert. Und wir dürfen hoffen, dass auch die rund 3700 Haushalte und Unternehmen im Landkreis Goslar, die noch immer auf eine schnelle Internetverbindung warten, alsbald ebenso das digitale Tempo anziehen können. Die verheißene Demokratisierung der Weltgesellschaft blieb derweil ein Trugschluss aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft: Nie zuvor waren Bürger so gläsern, kontrollierbar und manipulierbar wie heute – mit allen Gefahren für Demokratie und Freiheit. Dabei treibt die digitale Welt die schrillsten Blüten: Während vom 25. Mai an die Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union mit gigantischer Bürokratie greift, um Personendaten besser zu schützen, geben immer mehr Menschen über digitale Netzwerke fröhlich Einblick bis ins intimste Privatleben. So gilt gerade im digitalen Zeitalter umso mehr eine alte Volksweisheit: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Zukunftsängste vor dem Schlagwort „Industrie 4.0“ möchte ich hingegen zerstreuen. Kollege Computer, werktätige Roboter und künstliche Intelligenz werden uns Menschen nicht zum nutzlosen Dahinvegetieren verdammen. Sie werden die Arbeitswelt verändern, sie werden uns fordern, manchen auch schmerzlich, vielleicht nochmals rasanter als die Entwicklung des World Wide Web. Aber sie werden auch viele neue Chancen eröffnen. Wie stehen Sie zu dem Thema?

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