Freitag, 02.10.2020

Das Erbe der Wilmersdorfer Witwen

Deutschland kann morgen einen runden Geburtstag feiern: 30 Jahre deutsche Einheit. Feiern Sie mit? Oder ist vielleicht doch alles schiefgelaufen in diesem wundersamen Land der „German Angst“, Kriegsverlierer, Besatzungszonen, Ossis und Wessis, Antifaschisten und Neonazis, Corona-Leugner oder Hobby-Virologen? Also eher ein vorgezogener politischer Volkstrauertag?

Im Vorfeld zum Tag der deutschen Einheit mit all den Dokumentationen und Analysen kam mir als Wessi eine kulturelle Abenteuerreise wieder in den Sinn, die mich 1986 in die geteilte Hauptstadt Berlin führte: Ich hatte Karten für das abgefahrene Musical „Linie 1“ im Grips-Theater. Die Programmzeitschriften für Fernsehsender glichen damals noch nicht dicken Taschenbüchern, und im Gegensatz zum allgegenwärtigen seichten Comedian-Abend gab es in jener Zeit aus meiner Erinnerung eigentlich nur den „Scheibenwischer“ mit Dieter Hildebrandt. Dieser Satiriker ließ die Berliner „Linie 1“ an einem TV-Abend mit viel Lorbeer durch seine Sendung rauschen. Also, auf nach Berlin zur „Linie 1“. Die ganze Welt mit all ihren Gegensätzen floss musikalisch-theatralisch scheinbar zusammen in einem einzigen U-Bahn-Abteil, in dem die „Wilmersdorfer Witwen“ mit Altersstarrsinn und schwarzen Regenschirmen die hoffentlich letzten Zuckungen der Nazi-Zeit symbolisierten.
Aufmüpfige Menschen im Westen demonstrierten damals gegen Kernkraft, Startbahn West oder für den Frieden, im Osten landeten die Widerborstigen eher im Stasi-Gefängnis von Bautzen. Die DDR war wirtschaftlich und sozial marode, aber hüben wie drüben konnte sich dennoch kaum jemand vorstellen, dass es nur einen Wimpernschlag der Weltgeschichte dauern sollte, bis Deutsche aus Ost und West am 3. Oktober 1990 gemeinsam das Deutschlandlied singen.
Es war ein Glücksmoment im Zeitgefüge, der die Chance zur Überwindung der Teilung eröffnete. Und vor allem friedliche Demon-stranten im Osten Deutschlands hatten diesen Moment erkämpft – nicht alle, aber viele. Abseits von Berlin spürten gerade Menschen rund um den Harz diesen Augenblick so hautnah – nicht alle, aber viele. Denn der Weg von Goslar nach Wernigerode glich noch Ende der 1980er Jahre einer Reise auf einen anderen Kontinent. Heute haben wir ihn in einer halben Stunde geschafft. Vom Zonenrand ist der Harz in die Mitte eines geeinten Deutschlands gerückt.
Die Glücksgefühle von damals, diese überschwenglichen Erlebnisse von neuer Freiheit und friedlicher Revolution, sollten allerdings die Realität nach 30 Jahren staatlicher Einheit nicht übertünchen. Statt hohlem Pathos, erhobenem Zeigefinger oder dem besänftigenden Balsam, wie gut es uns Deutschen doch im Vergleich zu anderen Ländern dieser Erde geht, ist eher nüchterne soziale und politische Analyse angesagt: 30 Jahre nach der Einheitsfeier ziehen sich Risse durch die Gesellschaft, die sich an jenem Abend anno 1986 selbst in der wüsten „Linie 1“ kaum jemand hätte vorstellen können. Das Gros der Wessis hat es nicht geschafft, den Ossi in seiner Seele verstehen und anerkennen zu wollen. Viele Ossis wiederum messen den Status von Einigkeit und Recht und Freiheit scheinbar einzig in verbleibenden Prozenten des Wessi-Lohngefälles. Vor allem müssen wir uns fragen, warum ein wachsender Teil der Bevölkerung inzwischen wenig Geschmack an Freiheit, Demokratie und Weltoffenheit findet. Denn die Wilmersorfer Witwen scheinen nach Mauerfall und all den Einheitsjahren lebendiger als zuvor.
Ja, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble – vor 30 Jahren als Innenminister ein Schmied der deutschen Einheit –, darf mit Recht auf die Erfolge verweisen. Auch auf Deutschlands Glück und Geschick, Krisen besser zu meistern als andere Länder. Aber ein aktueller Appell mit Blick auf die Einheit Europas verhallt mindestens bei denen, die sich schon in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr zu Hause fühlen – oder noch gar nicht angekommen sind.
Wie stehen Sie zu dem Thema?
Schreiben Sie mir:
joerg.kleine@goslarsche-zeitung.de