Freitag, 10.04.2020

Corona aus der ländlichen Perspektive

Wann ist eigentlich Ostern? Mit dieser scheinbar doch so simplen Frage lässt sich mancher weltläufige Bildungsbürger in schiere Verzweiflung versetzen. Selbst ansonsten bibelfeste Christen müssen häufig passen. Ich habe diese Woche in meinem privaten und beruflichen Umfeld mal wieder die Probe aufs Exempel gemacht – und damit so einiges Rätselraten erzeugt. Ostern ist 40 Tage nach Aschermittwoch, heißt eine beliebte Antwort. Oder: 50 Tage vor Pfingsten. Oder schlicht: der Sonntag nach Karfreitag. Oder: der Tag, an dem Jesus auferstanden ist. Oder flapsig: rund zwei Monate, nachdem die ersten Schokoladenosterhasen in den Supermarktregalen aufgetaucht sind.

Ja, das ist alles nicht falsch – aber beantwortet die grundsätzliche Frage nicht. Deshalb hier die kurze Auflösung: Ostern ist am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang. Ostern richtet sich also nach dem Mond, und somit schwankt der Termin von Jahr zu Jahr – frühestens am 22. März, spätestens am 25. April. Und an Ostern, dem hohen christlichen Fest, bemessen sich dann auch Pfingsten, Aschermittwoch und mithin die Fastenzeit. Auch mit „Ostersamstag“ können wir in diesem Zuge aufräumen. Der Samstag vor Ostern gehört nämlich noch zur Karwoche, deshalb ist Karsamstag die richtige Bezeichnung.

Dann folgt die Osternacht, in der laut Markus-Evangelium früh am Morgen, als gerade die Sonne aufging, das leere Grab Jesu entdeckt wurde. Frauen aus seiner Heimat, die ihn hatten sterben sehen, erblickten plötzlich das leere Grab. Danach machte die Botschaft von der Auferstehung die Runde zu den Jüngern. So weit die schlichte Kurzform der Ostergeschichte.

In Zeiten von Internet und digitalem Wandel ist all dies Wissen schnell über die elektronischen Datenautobahnen verfügbar. Aber es ist nicht die Auferstehung, auch nicht das fast unendliche Wissen in den Weiten des Internets, das hierzulande just um die Osterzeit 2020 die digitale Transformation in Unternehmen und Behörden massiv vorantreibt. Ein augenzwinkernder Ankreuztest macht dieser Tage in beruflichen Netzwerken geradezu viral die Runde: Wer treibt den digitalen Wandel voran – CEO, CTO oder Covid-19? Also der Chef, der technische Leiter oder das Coronavirus? Die Antwort wird vielen vermutlich leichter fallen als die Lösung der Osterfrage.

So bitter das Virus derzeit die ganze Welt in Atem hält, trägt es andererseits dazu bei, so manchen alten Zopf in den Betriebsabläufen abzuschneiden. Plötzlich sind Videokonferenzen ein probates Planungsinstrument, das noch dazu eine Fülle an teuren und umweltschädlichen Dienstreisen überflüssig macht. Nolens volens wird effektive Arbeit für Hunderttausende via Internet aus dem Home-Office möglich, was gleichermaßen die Abstandsregeln und die Infektionsrisiken in Büros und Betrieben vermindert.

All das unterschlägt allerdings einen nicht ganz unerheblichen biologischen Faktor: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Mit Telefon, Videokonferenzen und immer auf Distanz würden wir am Ende nicht glücklich. Ohne Krankenpflege und Ärzte werden wir kaum gesund, ohne Metzger, Bäcker, Supermärkte werden wir nicht satt. Ohne Handwerker wird kein Dach gedeckt, keine Leitung repariert. Ohne persönliches Gespräch, Zuwendung und Berührung wird auf Dauer auch die Seele krank.

Wir im Harz können uns dabei durchaus glücklich schätzen, nicht in der Menschendichte, den Mietskasernen und der Enge des öffentlichen Nahverkehrs eines Ballungszentrums zu leben, sondern in einer ländlichen Region. Sie gibt in der Corona-Krise zumindest Bewegungsfreiheit und damit den Raum, gleichwohl auf gebührender Distanz zu bleiben – ob beim Spaziergang im Wald, beim Joggen im Feld oder beim Ausruhen im heimischen Garten. So wird die Corona-Krise vielleicht auch die Perspektive vom Leben auf dem Lande verändern. Vielleicht auch hilft sie, die politischen Lippenbekenntnisse zur Verbesserung von Infrastruktur und medizinischer Versorgung im ländlichen Raum zu entlarven – das Reden auch in Handeln umzusetzen. Das wäre dann mal wirklich ein gesellschaftlicher Gewinn.

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