Donnerstag, 25.07.2019

Burgen, Bunker und Burgunder

Meine Radreise zu den guten Weinen Deutschlands begann wieder geschichtsträchtig. Nicht wie bei der Moseltour mit den alten Römern sondern in der jüngeren deutschen Geschichte.

Denn mein Weg führte mich vom Rhein an die Ahr. Dort gibt es nicht nur tolle Burgunder sondern auch Zeugnisse des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges. Von Bonn aus, der alten Bundeshauptstadt, geht es am „Wasserwerk“ vorbei, dem alten Parlamentssitz und dem „Langen Eugen“, dem früheren Abgeordnetenhochhaus, rheinaufwärts. Vom gegenüberliegenden Ufer grüßt die romantische Drachenburg und darüber der imposante Drachenfels mit seiner Ruine. In Remagen, wenige Kilometer vor der Mündung der Ahr in den Rhein, erinnern zwei monumentale Steinsockel beiderseits des Rheins an die Brücke von Remagen, weltweit bekannt geworden durch den gleichnamigen amerikanischen Film und Zeugnis der Schrecken des Zweiten Weltkrieges.

Geheimes Bauwerk

An der Mündung der Ahr geht es sanft bergauf in einem wildromantischen Tal, das vor allem wegen seiner Rotweine, besonders der Spätburgunder, weit über Deutschland hinaus bekannt ist. Auch an der Ahr grüßen Burgen und Ruinen von der Höhe. In schroffen Steillagen stehen auf Schieferböden die Weinstöcke.

Nach wenigen Kilometern, in Ahrweiler, wartet vor der ersten Weinprobe aber noch einmal deutsche Geschichte. Gut versteckt zwischen Weinbergen in einem Wäldchen liegt der Eingang zu einem Bunker. Das von außen eher unspektakuläre Ensemble war zwischen 1960 und 1972 der „Ausweichsitz der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland in Krise und Krieg“. Der Regierungsbunker im Ahrtal galt viele Jahrzehnte als das geheimste Bauwerk in der Geschichte der Bundesrepublik. Seit 2008 sind Teile des atombombensicheren Baus für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Heimatverein „Alt-Ahrweiler“ bietet Führungen durch die unterirdische Welt an. Leider nicht zu dem Zeitpunkt, als der neugierige Radler aus dem Harz des Weges kam. Also doch lieber Burgunder statt Bunker.

Bereits die Römer wussten die Ahr als Weinanbaugebiet zu schätzen. Beim Thema Wein kommt man also selten an den alten Römern vorbei. Die Steillagen sind frei von schädlichen Umwelteinflüssen, das Klima mild und regenarm, und 1500 Sonnenstunden böten den Trauben optimale Wachstumsbedingungen, erläutern die Ahrwein-Vermarkter die Gründe für die einzigartige Struktur, Eleganz und Fruchtfülle ihrer Spitzenweine.

„Pinot-Noir-Nase“

Im Gedächtnis geblieben ist mir ein fruchtbetonter Weißburgunder vom Weingut Meyer-Näkel aus Dernau, den wir uns bei einem Zwischenstopp auf einer schattigen Terrasse gönnten. Der stark von der Mineralität des Bodens geprägte Wein erzeugte am Gaumen einen schönen Schmelz und schmeckte im Zusammenspiel mit seiner eleganten Säure sehr erfrischend.

Verschiedene Spätburgunder verkostete ich dann beim Weingut Kriechel in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Ich habe die Basisqualität und eine Selektion probiert, nicht die recht teuren Goldkapselweine. Sie schmeckten sehr rund, vollmundig und samtig. Der Wein war recht fruchtig aber dennoch trocken. Drei Trauben vergibt der Gault Millau für das Weingut und 87 Punkte selbst für die Standard-Qualität. Das lässt Peter Kriechel in der oberen Wein-Liga der Ahr mitspielen. Gelobt wird auch die klassische „Pinot-Noir-Nase“ seines Weines. Für alle, denen Weinverkostungs-Floskeln suspekt sind: Der Spätburgunder hat ein reiches Bouquet, das an den Duft von roten Früchten, Waldbeeren, Kirschen oder Dörrpflaumen erinnert. Im Stil ähnlich fand ich den Spätburgunder Klassik der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr.

Während es in Bad Neuenahr-Ahrweiler klassisch kurstädtisch zugeht, mit Spielbank und Promenade, wirken manche Orte, je weiter man ins Ahrtal hineinfährt, zwar gepflegt, aber etwas verloren. Etwa auf der Höhe von Altenahr endet das Weinanbaugebiet. Dort sitzt auch mit der 1868 gegründeten Genossenschaft Mayschoß-Altenahr die älteste Winzergenossenschaft der Welt.

Etwas befremdlich wirkt es, wenn in einem bekannten Weinort ein renommierter Weinkeller mit seinen Spitzenerzeugnissen punkten kann und ein Stück weiter ein Gasthof mich mit „Schnitzel indisch“ kulinarisch begeistern will. Was für eine Zeitreise, da lassen doch gleich „Toast Hawaii“ und die frühen 60er grüßen. Und da ist ja auch was dran. Die Orte entlang der Ahr waren Hochburgen des Tourismus, als in den 60er und 70er Jahren die Besucher noch mit Sonderzügen dorthin kamen. Aber irgendwie scheint in einigen die Zeit stehen geblieben zu sein. Alte, verwitterte Schilder werben für seit Jahren geschlossene Hotels und Gasthöfe.

Aus der Zeit gefallen

Ein Tanzlokal, das heute noch „Corso“ heißt, scheint, wie aus der Zeit gefallen. Lichtblicke sind dagegen einige, meist familiengeführte Hotels, die mit modernem Design ihrer Zimmer und „ländlich kreativer Küche“ dagegen halten. Ob das reicht, vermag ich nicht einzuschätzen. Mit gutem Wein allein ist es jedenfalls heute touristisch nicht mehr getan.

Schreiben Sie dem Autor unter michael.horn(at)goslarsche-zeitung.de.