Mittwoch, 17.01.2018

Buchhandlung mit Anspruch

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Eine interessante Geschichte haben sie da ausgegraben, dann allerdings nur sehr unvollständig erzählt. Helga Weyhe hat sogar eine eigene Wikipedia-Seite und (...)

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Krise auf dem Büchermarkt? Umsatzeinbruch? Insolvenz? Die 95-jährige Helga Weyhe dürften diese Fragen kaum beschäftigen. Ihre kleine Buchhandlung in Salzwedel hat Krisen, Kriege und Diktatoren überstanden – was sollte sie noch schrecken?

Derzeit kann sich die älteste aktive Buchhändlerin Deutschlands vor lauter Aufmerksamkeit sowieso kaum retten. Ende August überreichte ihr Kulturstaatsministerin Monika Grütters den Deutschen Buchhandelspreis – seitdem geben sich Journalisten und Kamerateams die Ladenklinke in die Hand. Wer ihr Reich betritt, macht eine Zeitreise in die Vergangenheit: knarrende Holzdielen, dunkel gebeizte Regale, sepiafarbene Familienfotos. Die Geschäftsidee der resoluten Dame ist simpel und seit Jahrzehnten erprobt: In ihren Regalen finden sich fast nur Bücher, die ihr selbst gefallen – neben Kinderbuchklassikern und Sachbüchern ist das Literatur, die „auch Ansprüche an den Leser stellt“. Bluttriefende Krimis, Thriller oder Massenware sucht die Kundschaft bei Frau Weyhe vergeblich.

Berufskollegen dürften bei diesem Geschäftsmodell vor Neid erblassen. Die Branche plagt sich seit geraumer Zeit mit bedrohlichen Veränderungen. In den letzten fünf Jahren brach der Umsatz gedruckter Bücher um 13 Prozent ein – ein Ende ist nicht abzusehen. Angesichts zunehmender Konkurrenz aus dem Internet, steigender Ladenmieten und abnehmender Kundenzahlen erweitert so mancher Buchhändler sein Sortiment um Plüschtiere und Kaffeetassen oder hält sich nur mit Hilfe eines Zweitjobs über Wasser.

Derweil blickt die deutsche Öffentlichkeit gerührt auf eine 95-jährige Buchhändlerin, die an den Intellekt der Kundschaft appelliert. Übrigens: Helga Weyhe findet niemanden, der in ihre Fußstapfen treten und die kleine Buchhandlung weiterführen möchte.Elke Brummer






Kommentare
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kassandro schrieb am 26.01.2018 20:58

Eine interessante Geschichte haben sie da ausgegraben, dann allerdings nur sehr unvollständig erzählt. Helga Weyhe hat sogar eine eigene Wikipedia-Seite und ihr Vater, dessen Karriere-Schwerpunkt New York war, auch. Erwähnenswert auch, dass sich ihre Geschichte in der DDR abspielte, wo man private Buchläden eigentlich für undenkbar halten sollte. Tatsächlich gab es unter Ulbricht ein heute vergessenes Kleinunternehmertum im Sozialismus, das Ulbricht viel Kritik von den sozialistischen Bruderstaaten einbrachte, dass der DDR aber nach dem Krieg gleichzeitig zu einer bemerkenswerten wirtschaftlichen Entwicklung verhalf, die man angesichts der katastrophalen Rahmenbedingungen nur als Rotes Wirtschaftswunder bezeichnen kann.

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