Freitag, 28.08.2020

Blutsauger-Nostalgie mit einem Perspektivwechsel

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Wer geglaubt hat, das Jahr 2020 könne keine Überraschung mehr herhalten, dürfte vor einigen Monaten eines besseren belehrt worden sein: Da kommt „Twilight“-Autorin Stephenie Meyer einfach mal mit einem neuen Vampir-Buch um die Ecke. Und eigentlich ist es „Twilight“, auf Deutsch bekannt als „Bis(s) zum Morgengrauen“ noch einmal, nur diesmal aus Edward Cullens Perspektive.

12 Jahre, nachdem jemand das Manuskript des Buches unerlaubt veröffentlicht und Stephenie Meyer aus Frust die Arbeit an dem Roman gestoppt hatte, steht er nun in den Regalen: „Midnight Sun“, oder auf Deutsch „Bis(s) zur Mitternachtssonne“ – ja, das Wortspiel war schon auf dem Höhepunkt des Vampir-Hypes ziemlich schmerzhaft und ist nicht gerade gut gealtert. Und wie sieht es mit der Geschichte selbst aus? Edward Cullen und Bella Swan, der unsterbliche Vampir und das Menschenmädchen, die sich verlieben, während er aber gleichzeitig nach ihrem Blut giert. Die Story um eine herzzerreißende Beziehung, die mit weniger verträumten Teenageraugen nicht mehr ganz so fantastisch wirkte, sondern eher ganz schön ungesund.

Jetzt mit Persönlichkeit

Schon damals polarisierte die Buchreihe: Vor allem viele Mädchen und Frauen liebten sie, andererseits zogen die glitzernden Vampire auch viel Hass auf sich. Ganz abgesehen davon, dass gerade das letzte Buch selbst bei Fans auf wenig Gegenliebe stieß.

Aber wie sieht es aus, wenn man mehr als zehn Jahre später als ehemaliges Fan-Girl noch einmal ganz in den Anfang der „Twilight“-Story eintaucht? Kann das Buch so lange Zeit nach dem Vampir-Hype noch überzeugen? Tatsächlich bringt das Buch neue Informationen mit sich, mit denen man gar nicht unbedingt gerechnet hat. Vor allem deswegen, weil Edward als Erzähler die Gedanken fast aller um ihn herum lesen kann. Und da wir diesmal in seinem Kopf sitzen, lernen wie auch mehr über ihn. Wer hätte gedacht, dass der mehr als 100 Jahre alte Vampir so unsicher und manchmal auch unbeholfen ist?

Und auch Bella gibt es jetzt mit einem Extraschuss Persönlichkeit, obwohl Edward ihre Gedanken als Einzige nicht lesen kann – oder vielleicht gerade deswegen? Es scheint nämlich fast so, als wolle Meyer damit auf Kritikpunkte eingehen, laut derer Bella nicht unbedingt als interessante Protagonistin gilt, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Edwards Sicht

Jetzt bekommen wir als Leser aber Edwards Sicht auf sie zu sehen. Es erklärt zumindest ein Stück weit, warum ein Mädchen, das sich selbst als völlig durchschnittlich bezeichnet, die Aufmerksamkeit eines sonst so hochmütigen, unsterblichen Wesens auf sich ziehen konnte. Gespräche, die im Original nur angedeutet wurden, können wir nun verfolgen: Plötzlich kennen wir Bellas Lieblingsbücher, und -filme, und sehen Charakterzüge, die uns bisher meist verborgen blieben – selbst als sie die Story aus ihrer Perspektive erzählte. Hier ein bisschen Mitgefühl, da ein bisschen Tapferkeit, und sogar Humor hat Bella!

Trotzdem hat das Ganze einen faden Beigeschmack: Es scheint ein bisschen so, als wollte uns Edward – und damit auch Stephenie Meyer – Bellas neu entdeckten Charakter in kalkulierten Portionen füttern, um zu sagen: „Seht ihr nun, wie toll Bella schon immer war? Ihr habt es nur nicht bemerkt.“

Und noch mal zurück zum Blutsauger höchstpersönlich: Nur weil Edward einsieht, dass er sich wie ein Stalker verhält, entschuldigt das nicht die gruseligeren Seiten der Beziehung – wie das nächtliche Einsteigen durch Bellas Fenster. Das wäre schon unheimlich, wenn er nicht nach ihrem Blut gieren würde. Wenn da mal nicht alle Alarmglocken schrillen. Trotzdem sollte man den Nostalgiefaktor nicht unterschätzen, den das Buch mit sich bringt. Fast ein bisschen wehmütig denkt man beim Lesen an die Zeit zurück, als man von der Vampir-Geschichte das erste Mal in den Bann gezogen wurde – auch wenn man vieles jetzt nüchterner betrachtet und stärker reflektiert, weil man eben kein völlig verzückter Teenager mehr ist. Wer aber schon „Twilight“ doof fand, wird dem Perspektivwechsel wohl auch nichts abgewinnen können.

„Bis(s) zur Mitternachtssonne“ von Stephenie Meyer, 848 Seiten, ab 14 Jahren,Carlsen Verlag, 28 Euro.









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