Freitag, 26.06.2020

Bilanzpolitur mit heißer Luft

Die Corona-Krise hat so manches Thema in den vergangenen Monaten wie mit einem Bleimantel überdeckt. Nehmen wir nur die Novelle der Straßenverkehrsordnung, die seit Ende April mit satten Bußgeldern und härteren Strafen winkt – beispielsweise bei Tempoüberschreitungen. Früher hätte der ADAC eine massive Aufschrei-Kampagne quer durch die Republik gefahren, doch diesmal herrschte fast völlige Funkstille.

Ein Monat Fahrverbot plus80 Euro Bußgeld drohen jetzt ab26 Stundenkilometern zu schnell außerhalb geschlossener Ortschaften. Vorher gab es Fahrverbote erst ab 41 „Sachen“ drüber. Innerorts kann der Führerschein bereits ab 21 Stundenkilometern überm Limit für einen Monat eingezogen werden. Aber auch darunter sind die Bußen inzwischen saftig – und gelten keineswegs für viel zitierte „Raserei“.

Auf der A7 im Geschwindigkeitstrichter hinter Göttingen lauerte neulich ein Polizeikommissar mit Laserpistole am Straßenrand: dreispurige Autobahn, minimaler Verkehr, nachts gegen 23 Uhr. Einmal bergab kurz den Tacho nicht im Blick, schon rollte das Auto mit Tempo 115 statt 100 – und ich darf nun 40 Euro in den Nachbarlandkreis überweisen. Angesichts der ganzen Blitzkästen und Laserpistolen, die dieser Tage im Einsatz sind, erweckt es den Eindruck, als wollten Staat und Kommunen das ganze Geld zum Stopfen der Corona-Löcher in den Kassen nunmehr am Straßenrand verdienen.

An anderer Stelle versagen indes die staatlichen Kontrollmechanismen, selbst wenn die größten Hasardeure am Steuer sitzen. Nein, ich meine nicht die beiden vor Tagen verurteilten Motorradfahrer, die sich im Odenwald ein Rennen mit knapp 300 auf der Landstraße geliefert haben sollen. Die Rede ist vom Finanzdienstleister „Wirecard“, einem weltweit agierenden Konzern für elektronischen Zahlungsverkehr mit eigener Bank als Tochtergesellschaft. Die Löcher in der Bilanz bei der Muttergesellschaft sind so mächtig, dass sie in den vergangenen Tagen selbst die Corona-Nachrichten überlagert haben. Nach Ansicht der Wirtschaftsprüfer von „Ernst & Young“ (EY) geht es bei Wirecard um Falschbuchungen von 1,9 Milliarden Euro, die vermeintlich auf Konten von philippinischen Banken schlummerten. Man muss sich das vorstellen: Da ist ein Unternehmen milliardenschwer im renommierten Deutschen Aktienindex der 30 wichtigsten Aktiengesellschaften gelistet – und hat seine Bilanz offenbar seit Jahren mit heißer Luft aufgepumpt. Oder, wie Wirecard verlauten ließ, mit Geld, das „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit“ nicht existiert – 1,9 Milliarden Euro offenbar schlicht erfunden.

Kleinlaut musste Vorstandschef Markus Braun seinen Sessel räumen, immerhin stellte er sich den Ermittlern. Doch während Braun laut Nachrichtenmagazin „Spiegel“ im Vorfeld der Katastrophenmeldung in einer ganzen Serie eigene Aktien im Wert von 155 Millionen Euro schon verkauft hatte, durften andere Aktionäre danach den Absturz ihres Investments in die Wertlosigkeit verfolgen. Schließlich musste Wirecard inzwischen Insolvenz anmelden. Die Vorgänge bringen nicht nur Wirecard, sondern die gesamten Aufsichts- und Prüfmechanismen an den Kapitalmärkten, mithin den Finanzplatz Deutschland samt seiner Börsenhauptstadt Frankfurt in Verruf. Zumal sonst fast jede Würstchenbude in Deutschland besser kontrolliert wird – und ehrenwerter ihr Geschäft betreibt.

Wir dürfen gespannt sein, wie sich die weiteren Ermittlungen hinziehen. Nicht nur, weil die Wirtschaftsstrafkammern an deutschen Gerichten ohnehin schon seit Jahren wegen Überlastung klagen, sondern vor allem auch, weil es in der Finanzwelt wieder um ein vermeintlich „systemrelevantes“ Geflecht geht: Wirecard hat weltweit inzwischen Hunderttausende Kunden, selbst Aldi und Ikea nutzen Dienstleistungen dieses Konzerns. Zudem gehören deutsche und europäische Banken zu den Hauptgläubigern. Würden Zweifel an diesem Finanzgeflecht und der Frust von Anlegern in Form von Aktien an der Börse gehandelt, wäre zumindest das eine glatte Kaufempfehlung.

Wie stehen Sie zu dem Thema?Schreiben Sie mir: joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de