Montag, 23.04.2018

Bedrohte Arten

Der deutsche Autor und Übersetzer Eugen Ruge traute seinen Ohren kaum, als er im November letzten Jahres einer Radiosendung lauschte. Im Deutschland-Radio Kultur vertrat der Linguist Wolfgang Klein die These, dass die deutsche Sprache in spätestens 300 Jahren ausgestorben sein werde. Der Sprachwissenschaftler ging sogar noch weiter: Bedroht vom Tode durchs Vergessen wären bis zu 80 Prozent der derzeit existierenden Weltsprachen. Das liege übrigens keineswegs daran, dass ganze Staatsgebiete entvölkert würden, sondern sei vielmehr der Tatsache geschuldet, dass die in Wirtschaft und Technik bevorzugte Verkehrssprache Englisch über kurz oder lang die linguale Weltherrschaft übernehme.

Der schockierte Ruge schrieb sich flugs die Sorge vor der immerhin nicht nur seine Profession bedrohenden Vorhersage in einem Zeitungsartikel von der Seele. Dass in Berliner Szenekneipen deutsche Speisekarten mittlerweile Mangelware sind und der akademische Nachwuchs fast ausschließlich in englischer Sprache unterrichtet wird, treibt den zweisprachig aufgewachsenen Ruge weniger um als vielmehr die Tatsache, dass originäre deutsche Literatur irgendwann nur noch von wenigen „Altsprachlern“ gelesen werden könnte. Und wie steht es um die Übersetzungsqualität von Goethes „Werther“, Hauptmanns „Weber“ oder Brechts „Mutter Courage“?

Ruge, dessen preisgekrönter Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ in 30 Sprachen übertragen wurde, schaudert’s. Der Reichtum einer jeden Sprache liege ja doch nicht zuletzt in ihren unübersetzbaren Absonderlichkeiten und Abweichungen! Was nun? Im Februar versuchte es Ruge im Dresdner Staatstheater mit einer Liebeserklärung an die deutsche Sprache. Falls aber nicht genug Menschen in Liebe zu ihr entflammen, würde ich die Gründung einer Schutzorganisation vorschlagen, eines „WWF – World Wide Fund For The German Language“.Elke Brummer