Freitag, 18.10.2019

Aus dem Blick der Großstadtneurotiker

Ja, manchmal muss auch der kritische Blick in die eigene Branche sein, um unterschiedliche Weltbilder zu entschlüsseln. Denn so manche journalistische Nachricht, die weite Verbreitung findet, scheint anderen der realen Welt entrückt. Und das vereint sie in vielfältiger Weise mit den Botschaften aus der Politik – zumindest, wenn wir dem Faktum Rechnung tragen, dass es tatsächlich auch außerhalb der Hauptstädte und Großstadtreviere noch lebendige Menschen gibt. Oder anders gesagt: Zwei Drittel der Deutschen wohnen abseits der Großstädte, bei Politik und Nachrichten scheinen sie aber nicht wirklich eine wahrnehmbare Rolle zu spielen.

Wenn es ums Thema „Wohnungen“ geht, dann verbreiten Fernsehen und überregionale Medien meist Bilder von überfüllten Mietskasernen, in denen die Bewohner zu horrenden Preisen abkassiert werden. „Landeier“ entdecken beim Spaziergang hingegen reichlich Leerstand oder gar verfallende Ruinen. Beim öffentlichen Nahverkehr dominieren Bilder von überfüllten U-Bahnen oder Zügen, während Menschen auf dem Lande mitunter Geisterbussen begegnen. Und die ganzen Kampagnen gegen Autofahren, individuelle Mobilität und Verbrennungsmotoren kann nur Gehirnen entspringen, die von schlechter Großstadtluft vernebelt sind. Ein paar Wochen mit frischer Landluft bei ausgedehnten Spaziergängen würden deshalb manchem Großstadtjournalisten oder Hauptstadtpolitiker sicher einen wünschenswerten Sauerstoffschock verleihen, wie etwa der aufschlussreiche Vortrag einer Redakteurin eines überregionalen Blatts kürzlich offenbarte: Sie hatte sich selbst als „Landei“ enttarnt, weil ihr die klischeehaften Titelzeilen und Beschreibungen über das Leben in der Provinz auf den Senkel gingen. Also schrieb sie einen Artikel über Stadt und Land, stellte mal Arbeits- und Familienleben, Wohnungskosten, Sicherheit, Freizeit, Erholung und viele Dinge mehr gegenüber – und entdeckte plötzlich ungeahntes Interesse und Staunen bei den Redaktionskollegen. Denn viele der Großstadtneurotiker – ob aus Redaktionen oder Parlamenten – glauben wirklich, dass auf dem Lande in Deutschland eine vernachlässigbare Minderheit quasi in Steinzeit-Zuständen haust. Und vielleicht begegnen sie Landmenschen auch deshalb oft mit dieser Mischung aus Hochnäsigkeit und Mitleid – und tragen mit ihrer bis zum kleinen Großstadtbalkon begrenzten Sichtweise dazu bei, dass bald vielleicht wirklich die Steinzeit auf dem Lande wieder einkehrt.

Aber es gibt scheinbar doch den ersten Silberstreif am Horizont: Hinter vorgehaltener Hand haben sich bei der Redakteurin vom Land die ersten Kollegen gemeldet, die ihre ländlichen Wurzeln bisher verschämt verschwiegen. Und vielleicht, so wäre zu hoffen, tun sie sich ja sogar zusammen, um dereinst auch Sonderseiten zu produzieren aus einem Blickwinkel, der auch die Lebenswelt eines verschwindenden Rests von zwei Dritteln der Deutschen realistischer abbildet. Ja, und vielleicht kommen dann ja selbst die Politiker in den Hauptstadtparlamenten auf ganz andere Gedanken: Vielleicht, dass die tollkühnen Prophezeiungen von E-Mobilität höchstens in den Grenzen von Absurdistan gelten. Vielleicht, dass es sinnvoll wäre, mit dem Ausbau von öffentlichem Nahverkehr nicht im Ballungsraum, sondern in der Provinz anzufangen. Und vielleicht sogar auf die verwegene Idee, den Ausbau der neuen G5-Mobilfunknetze in den ländlichen Regionen zu beginnen – beispielsweise im Harz. Und vielleicht würde all dies ein wenig die wachsenden Gegensätze in der Bevölkerung mildern.

Am Ende hat das mutige „Outing“ einer vom Lande stammenden Journalistin in der Großstadtredaktion vielleicht etwas in Gang gebracht. Wundern Sie sich nicht, wenn der ein oder andere Großstadtreporter womöglich auch hier im Harz mal nach der nächsten ICE-Haltestelle oder U-Bahn-Station fragt. Seien Sie freundlich, zeigen Sie Mitgefühl – es sind ja auch nur Menschen.

Wie stehen Sie zu dem Thema? Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de