Freitag, 11.09.2020

Augen und Ohren aufgesperrt für den Kinderschutz

Leserbrief

Seesen. Der Kampf gegen Kindesmissbrauch darf nicht zum Erliegen kommen. Wie das trotz Pandemie gelingt, zeigte das Netzwerk Familie des Landkreises am Kinder- und Jugendschutztag: 400 bunte Turnbeutel, alle bepackt mit Informationsheften und kleinen Geschenken, händigte der Verband am Mittwoch sämtlichen Kinder- und Jugendeinrichtungen im Garten der Jugendhilfe Baumhaus in Seesen aus.

Petra Franke, Koordinatorin des Netzwerks, präsentiert ein Plakat, auf dem die Figuren am Rosentor mit weit geöffneten Augen und Ohren dargestellt sind.
„Es brauchte eine Alternative. Den Tag ausfallen zu lassen, wäre ein falsches Zeichen für den Kinderschutz gewesen,“ äußert sich Petra Franke, Koordinatorin von Netzwerk Familie. So musste die eigentlich Planung, eine Veranstaltungsreihe samt Fortbildungen, Vorträgen und Informationstagen schneller Hand über Bord geworfen und ein anderer Weg eingeschlagen werden. Doch wie erreicht man die Kinder? „Für uns war klar: Da muss eine Verpackung drum herum sein“, erklärt Franke die Entscheidung zur Taschenaktion. Neben Aufklärungsheften finden die Kids in den Turnbeuteln deshalb auch Karabiner, Kugelschreiber, Schlüsselanhänger und Trinkflaschen. Am wichtigsten ist aber eine Karte mit Notfallrufnummern, erklärt Franke. Die sei extra so gestaltet, dass sich die Kinder mit den Motiven darauf identifizieren können. Besser gesagt mit den drei Affen-Emojis von Whatsapp, die selbst die Kleinen vom Smartphone kennen würden. Der erste Affe sieht weg, der zweite hört nicht hin und der dritte schweigt– „genau das Gegenteil soll passieren“, sagt Franke.

Isolation befeuert Probleme

„Viele Kinder sind durch den Lockdown in Isolation geraten. Kitas, Schulen und Sportvereine waren geschlossen. Dabei sind gerade diese Kanäle Tür und Tor für die Erkennung von Missbrauch“, bedauert Doris Klotsch, pädagogische Leiterin der Jugendhilfe Baumhaus in Seesen. Dass es in dieser Zeit vermehrt zu gewalttätigen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche kam, hätte nicht festgestellt werden können, sei aber wahrscheinlich.

Die vier Kinder, die am Mittwochnachmittag die Jugendhilfe Baumhaus besuchen, dürfen den Inhalt der Turnbeutel als erstes erforschen. Fotos: Dämgen

Was ebenfalls problematisch sei: „In der Presse gab es über Corona alles, aber nur wenig über die Situation der Kinder. Die griffen die Medien erst spät auf“, kritisiert Klotsch. Umso glücklicher ist die Pädagogin über die Aktion am Mittwoch. Und die soll nicht die einzige bleiben: Inzwischen habe das Netzwerk Familie schon weitere Anfragen für Turnbeutel erhalten.

Die Kampagne läuft. Ein wahrer Erfolg wird jedoch erst dann erzielt, wenn die angebotene Hilfe, die in den Turnbeuteln spielerisch verpackt ist, falls nötig auch angenommen wird. Stephanie Gobernack von der Polizeiinspektion Goslar betont: „Es geht darum, den Kindern und Jugendlichen Mut zu machen, ihre Probleme anzusprechen oder es selbst für sie zu übernehmen.“ Für alle, ob Klein oder Groß, heiße es daher: „Sieh hin. Hör hin. Sag was.“









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