Freitag, 06.12.2019

Auf den Spuren der Jäger und Sammler

Sie sammeln doch auch ganz gerne, oder? Bei den Älteren steckt sicher noch eine Briefmarkensammlung irgendwo im Schrank. Vielleicht präsentieren Sie auch stolz eine Sammlung in Vitrinen – etwa Mineralien, oder doch eher Puppen? Womöglich Oldtimer-Autos, Espresso-Tassen oder Swatch-Uhren, Handtaschen, Schuhe, Meeresmuscheln, die leeren Flakons edler Düfte, Fußball-Bilder, Autogrammkarten oder gar Einkaufstüten, Streichholzschachteln und Kronkorken?

Es gibt ja fast nichts im Leben, was nicht irgendwie dazu taugen würde, es aufzuheben, zu bewahren und vielleicht zur Schau zu stellen. Und weil die Industrie von dieser in uns Menschen urzeitlich angelegten Leidenschaft genau weiß, verleitet sie uns auch gern dazu, heute Dinge zu sammeln, die in Wahrheit so unnütz sind wie Kreuzschmerzen im Fitnessstudio. Es soll Menschen geben, die eher einen Kredit für einen Hausanbau aufnehmen, als sich von geliebten Sammelstücken zu trennen. Denn das Sammeln kann wahrhaft glücklich machen – andererseits auch unendlich unglücklich. Dann nämlich, wenn Menschen vom Messie-Syndrom befallen sind und das traute Heim immer mehr einer Lagerhalle oder gar Mülldeponie gleicht.

Eine kleine Kulturgeschichte des Sammelns hat dieser Tage das Magazin „Vier Viertel Kult“ veröffentlicht – ein Vierteljahresheft der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz. Der Biologe Dr. Martin Lödl, Leiter einer zoologischen Abteilung im Naturhistorischen Museum Wien, ist darin dem Phänomen mehr stammesgeschichtlich nachgegangen. Lödl zerlegt das Sammeln in seinem Beitrag nach wissenschaftlicher Manier in seine wesentlichen Bestandteile – Horten, Ordnen, Präsentieren. Als „Phasentyp 1“ ruft er uns Citizen Kane in Erinnerung, den Protagonisten aus dem gleichnamigen Filmdrama von Orson Welles. Als New Yorker Zeitungsverleger und Chefredakteur ist die Filmfigur Kane ja auch an dieser Stelle thematisch nicht schlecht platziert. Jedenfalls sammelt Kane nicht nur Verlage und andere Firmen, sondern trägt ungeordnet auch Unmengen anderer Dinge zusammen und hängt sehr an seinem Kinderschlitten mit der Aufschrift „Rosebud“, mit dem jedoch am Ende niemand etwas anfangen kann – außer Kane selbst. Lödl nennt solche Typen die „Horter“, Menschen, die Objekte um ihretwillen zusammentragen. Leitmotive: Irgendwann kann man es vielleicht noch mal gebrauchen, und irgendwie kann ich mich davon nicht trennen.

„Phasentyp 2“ sind Menschen, die alles Gesammelte auch ordnen. Sie müssen gar nicht alles selbst zusammentragen, sondern bringen zumindest gerne System in eine bestehende Sammlung. Wir finden diesen Typus beispielsweise in Museen, manchmal auch ganz zufrieden und ordnend unten im Keller. „Phasentyp 3“ sind die Menschen, die ihre Schätze gerne präsentieren, gestalten oder gar öffentlich publizieren. Sie merken es schon: Jetzt kommen wieder die untrinkbaren Sammeltassen in der Vitrine ins Spiel, die unsitzbare Sofa-Ecke mit den Puppen – oder die gemietete Großraumscheune mit den alten Treckern. All diese Sammelstücke brauchen wir eigentlich gar nicht, eher brauchen die Dinge unendlich viel Zuwendung und Pflege von uns, um sie für die Ewigkeit auch gut in Schuss zu halten. Wir schenken den Sammelstücken also eine große Portion unserer Zuneigung und Bindung. Und wenn nur eines dieser Stücke beschädigt wird, dann blutet uns das Herz, wir empfinden fast Trennungsschmerz – als wenn ein geliebtes Haustier oder gar ein Familienmitglied gestorben wäre.

Wenn es also in diesen Tagen langsam eng wird bei Ihren Überlegungen, welches Geschenk wir jemandem unter den Christbaum legen möchten, dann führt uns die Frage, was der oder die Beschenkte wirklich gebrauchen kann, wohl bei vielen eher in die Irre. Viel hilfreicher, um wahre Freude auszulösen, ist dann die Frage: Was sammelt er oder sie denn? Gehen Sie also in Gedanken die Räumlichkeiten doch mal durch, vielleicht nehmen Sie dabei plötzlich die Fährte dieses Jägers und Sammlers auf, stoßen dabei auf Regale im Keller, die Vitrine im Hausflur oder die Sofa-Ecke im Wohnzimmer. In diesem Sinne noch viel Freude bei den Weihnachtseinkäufen.

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