Freitag, 20.11.2020

Auf dem Platz wird das Spiel entschieden

Jogi Löw – ja oder nein? Ich habe lange gerungen, ob es angebracht ist, an dieser Stelle über den Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft nachzudenken. Schließlich gibt es dieser Tage für die Menschheit beileibe viel Wichtigeres, als über unmotivierte Profi-Kicker zu sinnieren – und einen Bundestrainer, der es seit nunmehr sechs Jahren schafft, sich im Schatten seiner selbst zu demontieren. Vom 7:1 gegen Brasilien bei der WM 2014 zum 0:6 gegen Spanien in der Gruppenphase einer Nations League. Ganz nüchtern sind das zwölf Tore Differenz – und damit mindestens ein Dutzend Gründe, weshalb Löw von allein drauf kommen müsste, seinen Abschied als Bundestrainer zu nehmen. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, schmetterten die Handballer bei der WM 2007. Und ich kann mich bei allen Höhen und Tiefen nicht daran erinnern, dass sich jemals eine Nationalmannschaft in einer körperlichen Sportart derart kampflos, geduckt und geradezu lustlos über den Platz geschlichen hat. Handballer schon mal gar nicht.

Kein Wunder, wenn in den digitalen Netzwerken die ersten Satiriker mit Verweis auf den absurden Kampf ums Weiße Haus in Washington höhnen: „Löw erkennt Niederlage nicht an und fordert Neuauszählung der Tore ...“ Denn es ist auch für scheinbar gekrönte Häupter nie verkehrt, sich manchmal mit den realen Gegebenheiten und den Gegnern auf dem Platz strategisch vertraut zu machen.

Das gilt auch für die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die sich gerade erzürnt, dass der Asklepios-Konzern die Reha-Klinik in Seesen schließen will. Da kann jetzt Verdi einen „weiteren traurigen Höhepunkt“ beklagen, die Linken können sich über „Profitgier“ ereifern, SPD und CDU dürfen sich den Schwarzen Peter in der Gesundheitspolitik zuschieben – und die AfD sich abermals über angebliche Folgen der Corona-Beschlüsse mokieren. Das gesamte politische Spektakel hilft aber nichts, wenn Asklepios in der regionalen Partie schlicht klarmacht, auf die Forderungen der Gewerkschaft nicht eingehen zu wollen und im Zweifel die Reha-Klinik aus wirtschaftlichen Gründen dichtzumachen. Jetzt stehen 140 Jobs zur Unzeit auf dem Spiel, und die Beschäftigten müssen wohl geschlagen das Spielfeld verlassen, auch weil Verdi als Trainerin nicht realisieren wollte, dass die Abwehr bei Asklepios hart zu Werke geht. Mitunter eben kompromisslos wie die spanischen Kicker.

Auch in anderen Begegnungen zeigte sich die Gewerkschaft zuletzt alles andere als ruhmreich. Nachdem Verdi in etlichen Städten Nordrhein-Westfalens vor drei Jahren schon Sonntagsöffnungen weggeklagt hatte, sind dieses Jahr Städte in Niedersachsen dran. Im September frohlockte Verdi nach dem richterlichen Verbot von Sonntagsöffnungen in Oldenburg, „dass alleine die wirtschaftliche Situation des Handels kein hinreichender Sachgrund für eine Sonntagsöffnung sein kann“. Das vor Gericht erstrittene Verbot sei somit ein „Erfolg“ für die Beschäftigten im Einzelhandel und die Sonntagsruhe. Eines der lapidaren Argumente heißt dabei stets: Der Euro lasse sich ohnehin nur einmal ausgeben – und das könnten die Kunden doch auch unter der Woche ausreichend. Dass Einkaufsbummel an Sonntagen, ähnlich wie im Urlaub, tatsächlich zu Mehrumsätzen führen, wischt die Gewerkschaft geflissentlich beiseite. Ebenso die Tatsache, dass es für Millionen weiterer Menschen in Deutschland längst zum Berufsleben gehört, auch samstags und sonntags zu arbeiten – ob in der Gastronomie, an der Tanke, in der Industrie, im Krankenhaus, bei der Polizei oder in Verlagshäusern.

Weiteres Thema sind Streiks und hohe Lohnforderungen im öffentlichen Dienst mitten in der Corona-Pandemie, die gerade der öffentlichen Hand immense Defizite auf Jahre hinaus beschert. Erkauft wird all das in einer Rezession am Ende mit höheren Schulden, Steuern- und Sozialbeiträgen, Kurzarbeit und Jobverlust – gegen den die Gewerkschaft dann wieder zu Felde ziehen kann. Sozialstaat geht aber anders: Erst mal muss die Wertschöpfung stimmen, dann erst kann Geld verteilt werden.

Der Vorschlag des Linken-Bundestagsabgeordneten Victor Perli aus Wolfenbüttel hört sich deshalb vielleicht gut an: Er schlägt vor, die Seesener Klinik in eine kommunale Trägerschaft zu überführen. Und es gibt ja tatsächlich kommunal geführte Kliniken in Deutschland, die erfolgreich wirtschaften. Aber wenn es die öffentliche Hand genau hier in der Region besser könnte, warum hat sie dann die Kliniken damals überhaupt verkauft?

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