Montag, 18.02.2019

Auch eine Fremdsprache kann zur Muttersprache werden

Leserbrief

Bad Harzburg/Tolworth. Kinder lernen ihre Muttersprache ja innerhalb von zwei Jahren schon ganz gut. Als ich zwei Jahre alt war, ist meine Familie nach England gezogen, weil mein Vater dort einen Job bekommen hat. Ich war damals noch nicht mal im Kindergarten und konnte vor dem Umzug logischerweise auch überhaupt kein Englisch. Erste Erfahrungen mit der englischen Sprache hatte ich in einer Spielgruppe, wo ich durch den Kontakt mit den Erzieherinnen und den anderen Kindern Englisch gelernt habe.

Als ich dann die englische Sprache endlich beherrscht habe, wollte ich von der deutschen nichts mehr wissen. Ich hab sie zwar verstanden und konnte sie auch sprechen, wollte es aber nicht wirklich. Wir haben zahlreiche Videos, in denen mich meine Eltern auf Deutsch ansprechen und ich auf Englisch antworte. Wir sind in den sechs Jahren, in denen wir in England gewohnt haben, jedes Jahr nur einmal nach Deutschland geflogen, um mit der Familie Weihnachten zu feiern. Das war also die einzige Zeit im Jahr, in der ich Deutsch gesprochen habe.

Neues Land, neue Schule

Schon mit vier Jahren bin ich in England eingeschult worden und bis zur dritten Klasse dort zur Schule gegangen. Am ersten Schultag war ich die Einzige mit einer Schultüte, weil das in England grundsätzlich nicht üblich ist. Die anderen Kinder haben mich komisch angeguckt. Sie wären aber sicherlich neidisch gewesen, wenn sie gewusst hätten, wie viel Süßes da drin ist.

Nach sechs Jahren sind wir dann wieder zurück nach Deutschland gezogen. Lange traurig bin ich meiner Erinnerung nach nicht gewesen, viel mehr habe ich mich darauf gefreut, in Deutschland neue Freunde finden zu können. Zu der Zeit war ich acht Jahre alt und gerade mit der dritten Klasse fertig. In Deutschland angekommen musste ich mich nach Jahren des Englischsprechens erst wieder daran gewöhnen, Deutsch zu sprechen und zu schreiben.

In der Schule war die Rechtschreibung für mich erst besonders schwierig, vor allem, weil es im Englischen keine Umlaute gibt und kaum Worte großgeschrieben werden.

Sorgenfreies Englischabitur

Hier in Deutschland bin ich dann allerdings in die dritte Klasse gekommen und nicht, wie ich dachte, in die Vierte. Das lag aber nicht daran, dass ich seit Jahren kaum Deutsch gesprochen und geschrieben hatte, sondern dass die Kinder in England einfach viel früher eingeschult werden als in Deutschland.

Dass ich zweisprachig aufgewachsen bin, ist natürlich auch heute noch sehr hilfreich, besonders in der Schule, da der Englischunterricht für mich sehr leicht ist und ich später relativ sorgenfrei mein Englischabitur machen kann. Heutzutage habe ich allerdings auch oft noch das Problem, dass ich auf Deutsch etwas sagen will, mir aber nur das englische Wort dafür einfällt.

Ist jetzt aber Deutsch oder Englisch meine Muttersprache? Kann ich Englisch überhaupt meine Muttersprache nennen? Ich würde Deutsch natürlich als meine Muttersprache bezeichnen, weil es die erste Sprache ist, die ich gelernt und gesprochen habe. Allerdings ist Englisch trotzdemfür mich eine „zweite Muttersprache“, weil ich damit aufgewachsen bin.









Weitere Topthemen aus der Region:
  • Bad Harzburg
    Laternenumzüge im Doppelpack
    Mehr
  • Goslar
    Wohltmann hofft auf einen aktiveren Vorstand
    Mehr
  • Bad Harzburg
    Auch Tauben haben die Haare schön
    Mehr
  • Region
    Lücken in der Kinderärzte-Versorgung
    Mehr
  • Region
    Zaubershow im historischen Gasthaus
    Mehr