Freitag, 04.01.2019

Angriffe durch die digitale Hintertür

Industrie 4.0 lautet ein Zauberwort, das derzeit allerdings vielen Menschen mehr Angst einflößt als Zuversicht. Obwohl die meisten von uns ja längst selbst in „4.0“ unterwegs sind: Viele bestellen via Internet ihre Waren, bezahlen dabei elektronisch, verwalten ihre Bankkonten online, haben Zeugnisse und Dokumente zu Hause auf dem Rechner – und kommunizieren am liebsten über digitale Netzwerke, statt sich mal auf einen Kaffee zu treffen und von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.

Das alles ist bequem, hat viele Vorteile, aber die negativen Folgen der Entwicklung kann ebenfalls jeder tagtäglich beobachten: In den Innenstädten fallen Läden leer, die Paketdienste boomen, auf den Autobahnen herrscht eine schier endlose Schlange an Lastwagen, Autos sollen ohne Menschen am Steuer fahren, permanent sind wir erreichbar, Schüler mobben sich über kompromittierende Fotos in „sozialen“ Netzen – und fast nichts bleibt mehr geheim. Denn die ganze Sache hat einen großen Haken: Die Daten in der digitalen Welt sind nicht sicher, jedenfalls unsicherer als im guten alten stählernen Aktenschrank früher zu Hause. Da helfen auch Verschlüsselungen im elektronischen Transfer wenig.

Deutlich zu spüren bekommen das dieser Tage deutsche Politiker. Hunderte von Bundestags-, Landtags- und kommunalen Abgeordneten, außerdem etliche Prominente aus der Unterhaltungsbranche durften gesammelte persönliche Daten öffentlich im Internet wiederfinden – ob Kanzlerin Angela Merkel oder Satiriker Oliver Welke. Nur die AfD-Politiker blieben offenbar verschont, was so manchen wieder zu Spekulationen anreizte. Abseits der Parteipolitik sorgte der über Monate dauernde Hackerangriff gestern mit Zeitverzögerung für Schlagzeilen, die Justizministerin sprach von schwerwiegenden Vorfällen, die Bundesanwaltschaft schaltete sich ein – und laut Bild-Zeitung sollen sich deutsche Behörden sogar an den US-amerikanischen Geheimdienst NSA gewandt haben, um dem digitalen Hacker auf die Spur zu kommen.

Wir erinnern uns: NSA ist der US-Geheimdienst, der dafür berüchtigt ist, europäische und mithin deutsche Politiker abzuhören, weltweite Datenfluten zu inspizieren sowie Zugriff auf nahezu alle amerikanischen Software- und Hardware-Produkte zu haben. Da soll also der Bock zum Gärtner gemacht werden. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – mindestens in diesem Punkt unterscheiden sich Kommunisten, Kapitalisten oder Diktatoren auf dieser Welt kaum.

Mit dem Hackerangriff auf Politiker wurde zudem just eine Gruppe digital ins Visier genommen, die immer lauter predigt, Deutschland dürfe den Zug der Digitalisierung nicht verpassen. Der IT-Planungsrat, das politische Steuerungselement aus Bund und Ländern, will, dass in den kommenden Jahren Hunderte von Behördendienstleistungen für Bürger endlich digital verfügbar werden. Sonst würden wir Deutschen bald noch von Entwicklungsländern per Mausklick überholt. Am eigenen Leibe durfte die Politik nun aber schlagzeilenträchtig spüren, dass eben digital nichts sicher ist – weder in Deutschland noch in Mauretanien, schon gar nicht in China oder den USA. Daran ändern auch die reflexhaften politischen Rufe nach mehr Verschlüsselung und höheren IT-Sicherheitsstandards nichts.

Noch vorgestern ärgerten wir uns vielleicht, dass der Landkreis, die Städte und Gemeinden im Harz nicht gerade zu den Vorreitern in Sachen digitaler Dienstleistungen gehören. Mit den gestrigen Schlagzeilen bekommt diese Digitalisierung allerdings wieder eine ganz andere Geschmacksrichtung. Vielleicht ist es sinnvoll, manchen Weg zur Behörde auch in Zukunft noch persönlich antreten zu müssen.

Für Otto Normalverbraucher empfiehlt es sich ohnehin, die Kontrolle über persönliche Daten so weit wie noch möglich in den eigenen Händen zu halten: Wirklich vertrauliche Dinge gehören eben nicht in E-Mails, nicht auf Facebook oder Twitter. So schläft es sich zumindest etwas ruhiger.

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