Freitag, 27.11.2020

An oder mit? Das ist hier die Frage!

Darf die GZ so etwas als weitergeleitete Lesermeinung zitieren?“, fragte dieser Tage ein Leser aus Goslar: „Ich hätte es nicht besser definieren können“, fügte er in seiner Mail an, die von einer Satire über Corona-Proteste handelte. 

Nein, dürfen wir nicht, zumindest nicht ohne genaue Quellenangabe, schließlich geht es hier ja um geistiges Eigentum. Und als Zeitung möchten wir nicht die gleichen Fehler begehen wie einige hochrangige Politiker, deren Doktorarbeiten sich im Nachhinein als fragwürdig oder gar geistiger Diebstahl herausgestellt haben.

Karl-Theodor zu Guttenberg war der erste Kandidat in dieser Reihe. Der Bundesminister und damalige christsoziale Hoffnungsträger musste im Frühjahr 2011 alle politischen Ämter niederlegen. Denn es kam heraus, dass seine Doktorarbeit offenbar vor Versatzstücken aus anderen Veröffentlichungen wimmelte, die Guttenberg jedoch ohne Quellenangabe als eigene Leistung reklamierte. Die SPD drosch damals ziemlich heftig auf Guttenberg ein, aber hält sich gegenwärtig auffällig (un-)vornehm zurück, mit der gleichen Messlatte die eigene Hoffnungsträgerin zu beurteilen – Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. An diesem Wochenende will sie sich zur SPD-Landeschefin in Berlin wählen lassen, und in der Folge liebäugelt sie damit, bei der nächsten Wahl als Regierende Bürgermeisterin Berlins ins Rote Rathaus einzuziehen. Die Freie Universität Berlin hat unmissverständliche Zweifel an der Sauberkeit von Giffeys Doktorarbeit geäußert. Doch just die Frau, die bislang in ihrer politischen Karriere so gerne und selbstbewusst auf die Anrede als „Dr.“ beharrte, meint nun, mit Jovialität die Sache unter den Teppich kehren zu können: Sie verzichte fortan auf den Titel – zumal sie doch auch ohne „Dr.“ auf sehr gute Arbeit und Qualifikation verweisen könne.

Das mag so sein, und viele Menschen in Deutschland stört die Sache auch nicht sonderlich. Mehr noch: Viele empfinden derlei Kritik inzwischen als an den Haaren herbeigezogene Pedanterie. Ist es aber nicht: Es geht in dieser Sache nämlich gar nicht um Giffeys persönliche Qualifikation, sondern um gültige Regeln der Wissenschaft – und damit um Glaubwürdigkeit und Verantwortung. Wenn sich schon Regierende nicht daran halten, sondern dies mit abfälligem Gestus beiseite wischen wollen, warum sollten sich andere an Regeln halten – also der Otto Normalverbraucher?

Wohin dies führen kann, lässt sich seit Monaten in der Corona-Debatte verfolgen, in der jeder Masken-Fehltritt eines Politikers argwöhnisch verfolgt und kritisiert wird. Womit? – Mit Recht!

Grundsätzlichen Corona-Zweiflern ist derweil angesichts des Infektionsgeschehens in Deutschland wahrlich nicht mehr zu helfen. Just die Unfallstatistik im Straßenverkehr diente so manchem selbsternannten Experten im Frühjahr, als die Zahl der Corona-Todesfälle noch niedrig lag, als gesundes Beispiel: Jährlich würden über 3000 Menschen im Straßenverkehr sterben. Dagegen sei doch Corona eine milde Grippe. Nicht mal neun Monate später liegt aber die Zahl der Corona-Toten schon fünfmal so hoch – und wird wohl bis zur nachhaltigen Wirkung neuer Impfstoffe auch vorerst deutlich weitersteigen.

Und da wären wir nun genau bei der Ausgangsfrage unseres Lesers mit Verweis auf ein satirisches Online-Portal: „Der Postillon“, nach eigenem Bekunden „Deutschlands größte Tageszeitung der Welt“, hob auf seiner Internetseite die „Querlenker“-Bewegung aus der Taufe: „Weg mit der Straßenverkehrsordnungs-Diktatur!“, heiße das zentrale Thema dieser neuen Bewegung, die zu ihrer ersten Großdemo mit Autokorso in Berlin nach eigenen Angaben rund fünf Millionen Menschen erwarte: „Wir sind freie Autofahrer! Wir sind das Volk!“ Schon zu Nazi-Zeiten habe es eine Straßenverkehrsordnung gegeben – doch „nie wieder Faschismus“. Um noch die spannende Frage anzuknüpfen: Sind nun die Verkehrstoten an oder mit Verkehrsunfällen gestorben? Und gibt es überhaupt Verkehrstote?

Mit schwarzem Humor ließe sich anfügen: Warum müssen sich Autofahrer mit Punkten stigmatisieren lassen, nur weil sie vielleicht mit Tempo 80 durch die Fußgängerzone fahren? Wie genau und wirksam sind überhaupt Alkoholkontrollen? Dürfen Polizeibeamte uns eigentlich zum Pusten zwingen – oder gar zu einer Blutentnahme? Und warum sollten wir als freie Bürger im Winter nicht weiterhin mit abgelutschten Sommerreifen fahren? Fragen über Fragen, denen sich unsere Regierenden nun endlich mal stellen sollten.

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