Freitag, 13.04.2018

Amokläufe gegen demokratische Werte

Da genießen Menschen das erste Frühlingswochenende in der Stadt, plötzlich rast ein Campingbus auf sie zu, bringt Zerstörung und Tod. Die Amokfahrt des 48-jährigen Jens Rüther mitten in Münster am vorigen Samstag lässt uns fassungslos zurück — voller Trauer, Verzweiflung und Mitgefühl, aber gleichermaßen wütend. Wie kann ein Mensch so unmenschlich handeln? Und wenn es im westfälischen Münster möglich ist, dann lässt sich eine solche Gefahr auch in Goslar, Braunlage, Clausthal-Zellerfeld oder Bad Harzburg nicht völlig ausschließen. Ängste gehen um, beeinflussen plötzlich unser Denken, Planen und Handeln — mindestens im Unterbewusstsein. Und das in einem freien, wohlhabenden Land, das seit über 70 Jahren in Frieden leben kann.

Während die Ermittler noch am Werk sind, um die Tat und deren Hintergründe sachlich aufzuklären, hat das vergangene Wochenende auf politischer Ebene zumindest einen Beweis bereits erbracht: Mindestens ebenso groß sollten die realen Ängste sein, Politiker(innen) vom Schlage einer Beatrix von Storch auch nur in die Nähe von Macht und Entscheidung rücken zu lassen. Denn die AfD-Frau und stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag spielt mit irrealen Ängsten, um am Ende die Grundfesten unserer demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft einzureißen.

Kaum hatte von Storch nur ein einziges Stichwort von der Amokfahrt aufgeschnappt, schob sie die Tat schon auf islamistische Attentäter. Und da war sie ganz sicher nicht mit dem Finger versehentlich von der Tastatur abgerutscht. Vorurteile, Vorverurteilung, Spekulationen, Rassismus nutzen AfD-Politiker(innen) wie von Storch geradezu reflexhaft, um Stimmung zu machen und Stimmen einzufangen. Und dies weicht selbst dann nicht realer Erkenntnis, wenn sich der Amokfahrer von Münster als psychisch labiler Deutscher herausstellt: Dann hat er — im Gedankengefängnis dieser AfD-Politikerin — eben islamistischen Terror nachgeahmt. Devise: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Von derlei geistigen Brandstiftern droht immense Gefahr, denn Staat und Justiz, wie von Storch sie offenbar wünscht, machen am Ende auch mit seinen unbescholtenen Bürgern kurzen Prozess. Vorurteil, Rassismus und Spekulation genügen zur Verurteilung.

Die deutsche Geschichte bietet ein unendlich grausames Kapitel dazu. Es wäre fatal und gleichermaßen vorurteilsbeladen, jeden AfD-Wähler, gleichermaßen in diese Schublade zu stecken. Denn allzu sehr haben die etablierten Parteien in den vergangenen Jahren wohl an ihren (ehemaligen) Wählern vorbeiregiert.

Doch Extremismus und Rassismus dürfen nicht Platz greifen in unserer Gesellschaft. Am 2. Juni beispielsweise ist Gelegenheit, für Demokratie und freiheitliche Grundwerte einzutreten: Beim „Tag gegen Rassismus“ hier bei uns in Goslar.

Wie stehen Sie zu dem Thema? Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de