Freitag, 22.05.2020

„Sherlock“ ist gelungene Neuinterpretation der Romane

Leserbrief

Momentan sitzen wir fast alle öfter als sonst auf der heimischen Couch - #stayathome, um die Verbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen. Wir von der Jungen Szene meinen: Endlich hast du genug Zeit, Serienklassiker (erneut) anzugucken, um etwaige popkulturelle Bildungslücken zu schließen. Diesmal stellen wir (passend zum gestrigen Sherlock Holmes-Tag) die BBC-Serie „Sherlock“ vor – ohne Spoiler.

Worum geht es? Hauptfiguren der Serie sind Sherlock Holmes sowie sein Assistent Dr. John Watson. Der „beratende Detektiv“ und der Militärarzt außer Dienst treffen sich in der ersten Folge, ziehen gemeinsam in die Baker Street 221B und lösen von da an (mehr oder minder gemeinsam) Kriminalfälle im London des 21. Jahrhunderts. Wie in der Buchvorlage löst Sherlock seine Fälle durch genaue Beobachtung, schnelle Schlussfolgerung (Deduktion) – sowie in der Serie zusätzlich mit allen heute verfügbaren technischen oder wissenschaftlichen Hilfsmitteln. Er legt großen Wert darauf, kein Psychopath, sondern „hochfunktionaler Soziopath“ zu sein. Freunde hat er kaum, was an seiner exentrischen bis unsozialen Art liegt. John Watson dagegen (der nur in den ersten Folgen wie in den Büchern am Stock geht) ist sozial kompetent, durchaus intelligent – aber eben kein Holmes. Watson bleibt, anders als in der Romanvorlage, dennoch ein ebenbürtiger Freund für Sherlock. Er betreibt zudem einen Blog, der beiden Fälle einbringt und ihre Arbeit bekannt macht. Weitere Figuren sind unter anderem Johns (spätere) Frau Mary, die geheimnisvolle Domina Irene Adler, Sherlocks Bruder Mycroft – und natürlich allerlei Bösewichte, allen voran James Moriarty.

Warum schauen? Ganz einfach: die schauspielerischen Leistungen sind Klasse, die Figuren wunderbar exentrisch – und das Ganze eine gekonnte Mischung aus Vorlage und Neuinterpretation. Die Handlungsstränge werden subtil aufgebaut, Sherlocks Deduktionen hinterlassen im Nachhinein stets ein Aha-Gefühl – und die wiederkehrenden Anspielungen auf das Original („das ist nicht mein Hut“) sind die Kirsche auf der Sahnehaube jedes Romanliebhabers.

Wer ist der heimliche Star? Mrs. Hudson, Eigentümerin der Bakerstreet 221B und Vermieterin der Ermittler. Die Beziehung zwischen ihr und Sherlock hat eine Mutter-Sohn-Dynamik: Die resolute Dame kümmert sich (trotz der ständigen Erinnerung „nicht ihre Haushälterin“ zu sein) rührend um den Detektiv. Sherlock hingegen hat ihr gegenüber einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. So bestraft er etwa einen amerikanischen Agenten, der Mrs. Hudson bedroht. Dass die Vermieterin selbst eine sehr umtriebige Vergangenheit hat, scheint immer wieder durch. Ihre legendärste Szene: Als sie sich – Donuts essend und telefonierend – mit ihrem Aston Martin aufmacht, den beiden Ermittlern aus der Patsche zu helfen.

Welche Folgen kann man skippen? Die ersten drei Staffeln (plus Sonderepisode) sind ausnahmslos sehenswert. Bei der vierten scheiden sich dagegen die Geister: Unvorhersehbar ist der Twist allemal, ob gelungen entscheidet jeder am besten für sich.

Welche ist die schlimmste Figur? Natürlich gibt es Bösewichte – was wäre eine Detektivserie auch ohne einen Gegenspieler. Da allerdings auch diese ihren Zweck erfüllen und nebenbei gut gespielt sind, möchte man selbst Moriarty oder Magnussen nicht missen. Als schlimmste Figur bleibt dabei eigentlich nur Sherlock selbst. Vor allem seine Arroganz macht es einem manchmal schwer, den Detektiv zu mögen. Besonders die Pathologin Molly Hooper (keine Romanfigur), die in ihn verliebt ist, quält er dabei fast schon. Aber was wäre Sherlock ohne seine Marotten – abgesehen davon zeigt er ebenso häufig, wie leidenschaftlich er die verteidigt, die ihm wichtig sind.

Was haben wir fürs Leben gelernt? Das wir viel genauer hinschauen sollten, wenn wir jemanden treffen – und das Bösewichte am liebsten über Leinwände kommunizieren.









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