Dienstag, 11.08.2020

„Ich bin nicht das Mädchen von nebenan“

Leserbrief

Das neue Album von Annett Louisan ist ein Schnellschuss, aber ein charmanter. „Kitsch“ hat die 43-jährige Chanson-Pop-Sängerinnen, die 2004 mit dem Lied „Das Spiel“ unvergesslich wurde, ihre Coversammlung genannt. 

Und der Titel trifft die Stimmung auf den Punkt: Louisan singt „Hello“ von Lionel Richie oder „Eternal Flame“ von den Bangles erfreulicherweise schön weit weg vom Original. So ist „Kitsch“ eine angemessene Begleitung zum lauen Balkon-Sommerabend mit Rosé-Schorle und Flammkuchen.

Annett, du hast „Kitsch“ zusammen mit deinem Produzenten Tobias Kuhn jetzt im Juni in Wien aufgenommen. Warum gerade dort?

Wien und Kitsch, das passt einfach (lacht). Ich liebe Wien. Die Wiener behaupten ja sogar von sich selbst, dass in ihrer Stadt die Welt zwanzig Jahre später untergeht. Die Musikhistorie, die nach einem Eindruck dem Chanson recht nahesteht, die Historie, die Gebäude, die Sprache, die Cafékultur, Falco und Mozart – also Wien gar genau die richtige Stadt, um dieses Album dort zu machen.

Stand der Titel „Kitsch“ als Oberbegriff über dem Album von Beginn an?

Ja, „Kitsch“ war das Korsett. Aber was heißt schon „von Beginn an? (lacht) Zwischen der Idee und den Aufnahmen lagen nur zwei Wochen. Das ist wirklich wahnsinnig schnell. Aber durch die Tatsache, dass es mit dem Livespielen gerade so schwierig ist, hatten wir Zeit. Und die Idee, ein Coveralbum zu machen, lag auch deshalb nah, weil ich selten zuvor in meinem Leben so viel Musik gehört habe wie im letzten halben Jahr. Als der Plan feststand, bin ich dann zusammen mit Tobias noch heftiger auf Zeitreise gegangen und habe mich mächtig inspirieren lassen.

Du interpretierst auf „Kitsch“ ganz überwiegend Lieder aus den Achtzigern. Was hat dich daran gereizt?

Lieder anzupacken, die man sonst nur heimlich hört. Die man nie nennt, wenn man nach seinen Lieblingssongs gefragt wird, aber die man geil findet. Ich bin selbst ein Kind der Achtziger, diese Songs decken mein ganz persönliches Bedürfnis nach einer heilen Welt. Einer Welt, in der alles in Ordnung ist.

„Bittersweet Symphony“, im Original von The Verve, passt aber nicht rein in dieses Konzept.

Das ist wahr. Da haben wir eine Ausnahme gemacht. Der Song ist eigentlich zu cool. Immerhin haben wir ihn umgedreht: Das Original ist schwer und melancholisch, bei mir geht es in Richtung Bubblegum.

Wie war es, zum ersten Mal auf Englisch zu singen?

Schön. Mein Akzent ist sehr stark, doch dazu stehe ich. Ich habe in den fünfzehn Jahren, in denen ich diesen Job jetzt mache, wahnsinnig viel gelernt. Ich habe mich bei diesem Album zum ersten Mal in der Lage gefühlt, die Art und Weise, wie ich klinge, in einer anderen Sprache umzusetzen.

Bei der Songauswahl schreckst du vor nichts zurück. Andererseits klingen Lieder wie „I Want It That Way“ von den Backstreet Boys in deiner Bearbeitung plötzlich nicht mehr nach 90er-Jahre-Party, sondern ganz langsam und zart.

Als ich das gesungen hatte, kam es mir vor, als würde ich ganz viel süße Cola in mich hineinschütten. So ein geniales Lied, das ja von Max Martin stammt, kann man gar nicht auf Deutsch schreiben, die deutsche Sprache lässt bestimmte Melodien nicht so richtig zu.

Der Song kam 1999 raus. Wie warst du drauf um die Jahrtausendwende, mit Anfang 20?

Naja, ich war ein Freak (lacht). Ich habe schon alleine gewohnt in Hasselbrook, einem wenig glamourösen Stadtteil von Hamburg, habe Malerei studiert, wollte unbedingt Musik machen und hatte natürlich überhaupt keine Kohle. Ich war damals ziemlich unsicher und nicht sehr selbstbewusst, aber auch schon sehr freiheitsliebend. Mut und Angst waren ähnlich stark ausgeprägt. Immer, wenn mein Mut über die Angst gesiegt hat, bin ich daran gewachsen.

Heute lebst du mit Ehemann und dreijähriger Tochter ein bürgerliches Leben.

Die Zeiten, in denen ich nicht so bodenständig und solide gelebt habe, die habe ich nicht vergessen. Ich sehe vielleicht so aus, aber ich bin nicht das nette Mädchen von nebenan. Was allerdings auch stimmt: Ich bin längst viel stärker in die Normalität eingestiegen. Meine Tochter saß gerade noch neben mir und aß ihr Frühstücksbrötchen mit Marmelade. Die wilden Jahre sind vorbei.

Deine Tochter Emmylou Rose ist jetzt drei. Viele Eltern sagen, dass sie während Corona ihre Kinder zum ersten Mal so richtig kennengelernt haben. Wie ist das bei dir?

Naja, also ich kannte meine Tochter schon vorher ganz gut (lacht). Wir haben versucht, die Zeit, die wir plötzlich zusammen hatten, zu genießen, auch, wenn es anstrengend war, so ohne Großeltern, ohne Spielplatz, ohne Kita. Ich habe großen Respekt vor Familien, die Home-Schooling machen und dazu arbeiten mussten. Als ich vergangenes Jahr nach der Babypause wieder angefangen habe zu arbeiten, war mir das nicht leichtgefallen. Das ging nicht von heute auf morgen. Am meisten unter Corona gelitten hat übrigens mein Mann.

Echt?

Ja. Er ist ein sehr geselliger Mensch. Viel geselliger als ich. Der liebt es richtig, rauszugehen, in Restaurants, Freunde zu treffen. Für ihn war es wirklich schwer. Ich selbst kann das ganz gut, mal für ein paar Wochen in einer Höhle zu verschwinden. Das kenne ich noch aus Studienzeiten, wo ich einfach abgetaucht bin, um Tag und Nacht zu malen.

„Reality“ ist ein berüchtigter Schmachtfetzen aus dem französischen Teeniefilm „La Boum“ mit Sophie Marceau. Hat „La Boum“ deine Idee von Romantik beeinflusst?

Ja. Dieses Laissez-faire bewundere ich bis heute. Und ich finde es auffällig, dass die Frauen sehr selbstbewusst dargestellt werden in französischen Filmen, aber trotzdem sehr weiblich und feminin wirken.

Du coverst auch den Helene-Fischer-Hit „Atemlos durch die Nacht“. Zum ersten Mal achtet man bei der Nummer auf den Text.

Ha, das ist das schönste Kompliment heute! Das ist einfach ein sehr gut geschriebenes Lied, der Text zielt voll auf die Zwölf. Natürlich geht es um die eine Sache, aber das Gefühl des Verliebtseins und, dass es heute Nacht passieren kann, wird einfach gut beschrieben. Ich wollte dieses Lied ganz ohne Schnörkel singen, total pur.

Kennst du Helene persönlich?

Ich habe sie mal kennengelernt. Eine sehr höfliche, sehr freundliche Person. Du merkst, da strahlt was.

Wer ist mehr Diva: Du oder Helene?

(Louisan lacht) Wahrscheinlich ich.

INFO:

Das Album „Kitsch“ von Annett Louisan ist ab Freitag, 21. August, erhältlich.









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