Mittwoch, 22.01.2020

Von „Wache auff“ zu „Glück auf“: Tradition eines Volkslieds seit 1531

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Goslar. Das Steigerlied kann bereits auf eine lange Tradition zurückblicken. Die bislang älteste bekannte Fassung findet sich in einem „Berg-Lieder-Büchlein“, das um das Jahr 1710 herum erschien. Allerdings, der charakteristische Bergmannsgruß „Glück auf! Glück auf!“ fehlt in dieser Fassung noch. Das Lied begann damals noch mit dem Weckruf: „Wache auff, wache auff, der Steyer kömmt.“ Erst 1840 ist erstmals die Grußformel „Glück auf!“ am Liedanfang zu finden.

Doch sind Teile des Textes wesentlich älter. Spuren des Liedes lassen sich bereits im 16. Jahrhundert nachweisen. So findet sich in einer Zwickauer Lieder-Sammlung aus dem Jahr 1531 eine Ballade unter dem Titel „Es sollt ein meidlein früe auff stan“, auch bekannt als die „Ballade vom Todwunden“, einige Verse, die fast wortgleich mit dem späteren Steigerlied übereinstimmen. Unter anderem heißt es darin: „Ey die heuers knaben sibnd hübsch un fein, / sie hauen das silber aus herten stein“. Und im „Steyer“-Lied von 1710 finden sich auch einige Strophen, die aus einem alten Liebeslied stammen, das aus einem „Fliegenden Blatt“ aus dem Jahr 1585 bekannt ist: „Wach auff / wach auff / mein Herz das brindt / mein feins Lieb hat mirs angezündt“, heißt es darin. Indizien für eine reiche und vielschichtige Überlieferung, auch wenn die Quellenlage erst im 19. Jahrhundert besser wird.

Lob des Kaffees

Eine der bekanntesten Liedersammlungen, „Des Knaben Wunderhorn“ der Dichter Clemens Brentano und Achim von Arnim, erschienen im Jahr 1806, zitiert den Text in einer mündlich überlieferten Fassung. Auffallend ist hier, dass nicht der Steiger oder Steyer, sondern „der Steuermann kömmt“. Noch eine Besonderheit: Brentano und von Arnim bezeichnen das Lied als „Tabacklied“, denn es enthält vier hinzugefügte Verse, die sich – teils positiv, teils negativ – mit dem Rauchen auseinandersetzen. Überhaupt: Tabak, Kaffee und Wein waren gang und gäbe in den Steigerlied-Fassungen des 19. Jahrhunderts, wie auch die Sammlung „Sächsische Bergreyhen“ von 1840 und die 1839 und 1844 veröffentlichten Sammlungen des Volksliedforschers Ludwig von Erk belegen.

Erk beschränkte sich auf die Wiedergabe der „Kernstrophen“, brachte aber zusätzlich zur traditionellen noch eine weitere Melodie aus dem Odenwald. 1849 erschien eine weitere von Erk aufgezeichnet Textfassung in den „Deutschen Volksliedern und Melodien“ von Friedrich Silcher. Silcher, bekannt durch seine Vertonung von Heinrich Heines Lorelei, veröffentlichte dazu einen Satz für Singstimme und Klavier oder Gitarre.

Die Beschränkung auf die Kernstrophen setzte sich im 19. Jahrhundert durch. Im 20. Jahrhundert gehörte es zu den populärsten Volksliedern und wurde in viele Liederbücher der Jugendbewegung und der NS-Zeit aufgenommen. Nach 1945 gehörte es zum festen Repertoire bei Veranstaltungen von Gewerkschaften und SPD.

Als „heimliche Nationalhymne“ des Saarlands, das von 1920 bis 1935 von Deutschland getrennt war und unter Verwaltung des Völkerbundes stand, wurde das Lied gesungen. Der Lehrer Hanns Maria Lux schrieb einen neuen Text: „Deutsch ist die Saar.“ Nach dem Krieg verwendete Radio Saarbrücken (der spätere Saarländische Rundfunk) bis 1980 vier Takte aus dem Steigerlied als Pausenzeichen.

Aber auch der Fußballverein Schalke 04 beschwört bei seinen Heimspielen das helle Licht des Steigers, das gleiche gilt für den FC Erzgebirge Aue und Rot-Weiß Essen.

Fans von Herbert Grönemeyer singen das Steigerlied lauthals mit, wenn der Sänger es bei seinen Auftritten als Einleitung zu seinem Hit „Bochum“ anstimmt. Und auch der DDR-Liedermacher und Baggerfahrer Gerhard Gundermann hat 1997 mit dem Lied „Wer hat sein helles Licht bei der Nacht“ den Steiger verarbeitet. 2001 entstand das „Lied der Berggeschädigten“ von Harald H. Zimmermann, in dem der darniederliegende Kohlebergbau des Saarlands besungen wird: „Glück ab, Glück ab, der Bergmann kommt, und er hat die Kohl‘ unterm Dorf bei der Nacht schon abgebaut, schon abgebaut.“