Dienstag, 09.05.2017

Schnee adé, hallo Wärme

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Harz. Seit den 1970er Jahren lassen sich auf dem Brocken deutliche „Vorboten des Klimawandels“ messen, wie der Geologe und Pressesprecher des Nationalparks Harz Dr. Friedhart Knolle weiß. 

Seit 1895 werden auf dem Brocken in einer Wetterwarte Klimadaten erhoben, wie Dr. Friedhart Knolle erklärt. Dabei gibt es spätestens seit den 1970er Jahren deutliche „Vorboten des Klimawandels“, weiß der Geologe und Pressesprecher des Nationalparks Harz. Allerdings gibt es auch Gegenstimmen.

Knolle bezieht sich auf den Niedersachsen-Orkan von 1972, der mit bis zu 170 Stundenkilometer durch das Land fegte. 2003 machte sich eine noch nie da gewesene Hitze auf dem Brocken bemerkbar – 28,2 Grad Celsius wurden allein am 12. August 2003 gemessen, drei Tage hintereinander hielt sich die Temperatur über 25 Grad Celsius. Ein Trend, der sich fortsetzt.

In den Höhen, wie auf dem Brocken, nimmt zudem die Niederschlagsmenge deutlich zu. Im November 2010 fiel so viel Niederschlag wie die letzten 115 Jahre nicht, erklärt Knolle. Auch das spricht für die Klimaerwärmung: Während der Regen im Winter zunimmt, lässt er im Sommer umso stärker nach. Die Folgen sind vielfältig: Hochwasser, aber auch Hitzewellen und damit verbundene Dürren sind keine Ausnahme mehr.

Dabei spricht sich Knolle gegen Begrifflichkeiten wie klimatische Extreme aus. Für ihn sind gemessene Extremwerte lediglich Ausreißer. Viel mehr Sorgen bereiten ihm die Mittelwerte, mit denen in der Wissenschaft vorrangig gearbeitet wird. Denn ebendiese Werte würden kontinuierlich ansteigen und somit den Trend der Erderwärmung widerspiegeln.

„Die Temperatur stieg in Deutschland in den vergangenen 100 Jahren um etwa 0,8 Grad Celsius an“, sagt Knolle. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) geht von einer weiteren zukünftigen Erwärmung zwischen ein und zwei Grad Celsius, im Südosten Deutschlands bis zu 2,5 Grad Celsius aus, wie Dr. Andreas Walter vom DWD erklärt. Diese Werte vergleicht er mit Referenzwerten der sogenannten Klimanormalperiode zwischen 1961 und 1990. Laut Forschern wie Dr. Christoph Schneider und Dr. Johannes Schönbein sind vor allem der Harz und der Südschwarzwald von der Erderwärmung betroffen, also Höhenlagen zwischen 700 und 900 Meter über dem Meeresspiegel.

Nach Annahmen des Nationalparks Harz werden die winterlichen Mitteltemperaturen bis 2050 anhand von Rechenmodellen auf etwa vier Grad Celius steigen, bis 2100 sogar auf 5,5. Das bedeutet einen Temperaturanstieg allein im Winter um bis zu zwei Grad Celsius bis 2050. Aus dem Schneeharz wird dann ein verstärkter Regenharz. Während 2015 immerhin an noch etwa 14 Tagen tatsächlich mehr als 10 Zentimeter Schnee im Harz lagen, könnten sich Bewohner und Touristen in 33 Jahren voraussichtlich nur noch über lediglich vier Tage Schnee freuen, errechnet der Nationalpark Harz.

Der Klimawandel beeinflusst auch die Flora und Fauna: Borkenkäfer breiten sich aus, von denen nicht zuletzt Fichten befallen werden und sterben. Knolle benennt sie als Verlierer der Baumarten, andere werden zum Gewinner erkoren, da sie Platz haben werden, sich nach Norden hin auszubreiten: Das sind vor allem Buchen. Dahingegen droht Pflanzen wie der Brocken-Anemone ein hartes Schicksal: Wohin soll sie verdrängt werden, wenn nach obenhin kein Platz mehr ist?

Dr. Sylvin Müller-Navarra vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie relativiert die oftmals kreierten Szenarien des Klimawandels wiederum. Insbesondere die Temperaturanstiege um wenige Grad Celsius seien abhängig von der Klimazone und würden nicht ausschließlich als negativ anzusehen sein – wenn auch, wie er zugibt, im schneeabhängigen Harz schon. „Das viel zitierte Zweigrad-Ziel halte ich für Blödsinn“, sagt er klipp und klar. Je nach Klimazone müsse man von sehr unterschiedlichen Ausgangslagen ausgehen. Er warnt vor Extremszenarien, auch der Meeresspiegel steige nicht unaufhaltsam: „In den letzten zehn Jahren ist nicht viel passiert“, sagt Müller-Navarra. Pro Jahrhundert stiege der Meeresspiegel um etwa 10 bis 20 Zentimeter, was keinesfalls nach einer zeitnahen Katastrophe schreie.

Auch die Rechenmodelle, die das zukünftige Klima voraussagen sollen, stehen immer wieder in der Kritik. Die Zusammenhänge zwischen Erderwärmung und CO-Ausstoß würden dadurch nicht erklärt, wie er sagt. „Einfache Antworten sind hier sehr verdächtig“, mahnt Müller-Navarra. Starke Klimaschwankungen sind seit Jahrtausenden Teil des Lebens auf dem Planeten.Dr. Friedhart Knolle warnt dennoch vor einer Verharmlosung: Die Natur verändere sich nicht erst seit gestern, aber schleichend. Genau deshalb halten viele die Bedrohung bis jetzt für nicht greifbar, wie er sagt.frn







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